16. September 2026

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Impf-König Gates dürfte es freuen: BRICS übernimmt zentrale WHO-Strukturen und baut die globale Gesundheitsüberwachung weiter aus

 

BRICS präsentiert sich als Gegenpol zur westlich dominierten Weltordnung. Weniger Abhängigkeit vom Dollar, Widerstand gegen einseitige Sanktionen, mehr nationale Souveränität – genau damit wirbt der Staatenbund um den Globalen Süden. Doch ausgerechnet bei einem der sensibelsten politischen Bereiche zeichnet sich in Neu-Delhi eine bemerkenswerte Entwicklung ab: der Gesundheitspolitik.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus reiste persönlich zum 18. BRICS-Gipfel nach Neu-Delhi. Und was die Staats- und Regierungschefs dort verabschiedeten, klingt keineswegs nach einer Abkehr von der bestehenden globalen Gesundheitsarchitektur.

Im Gegenteil.

Die New Delhi Declaration betont ausdrücklich die „vitale koordinierende Rolle“ der Weltgesundheitsorganisation. Gleichzeitig unterstützen die BRICS-Staaten die weiteren Verhandlungen über den PABS-Anhang des WHO-Pandemieabkommens – jenes Regelwerk, das den internationalen Zugang zu Krankheitserregern und genetischen Sequenzen sowie die Verteilung daraus entstehender Vorteile wie Impfstoffe, Medikamente und Diagnostika regeln soll.

Noch weiter geht die Zusammenarbeit bei der Überwachung von Krankheiten.

BRICS begrüßt die Einrichtung einer eigenen Unterarbeitsgruppe für ein „BRICS Integrated Early Warning System“. Dieses soll die Überwachung von Infektionskrankheiten, Frühwarnung, Informationsaustausch und koordinierte Reaktionen auf Gesundheitsnotlagen ausbauen. In der Gipfelerklärung wird dabei ausdrücklich auf die zentrale Rolle der WHO und die geänderten Internationalen Gesundheitsvorschriften verwiesen.

Parallel sollen digitale Gesundheitssysteme ausgebaut, künstliche Intelligenz eingesetzt, Labornetzwerke gestärkt, die Impfstoffforschung vertieft und die Zusammenarbeit der Arzneimittelbehörden ausgeweitet werden.

Damit entsteht eine berechtigte Frage: Baut BRICS tatsächlich eine unabhängige Alternative zur westlich geprägten globalen Gesundheitsordnung auf – oder integriert sich der Staatenbund gerade tiefer in genau jene Strukturen, deren Machtkonzentration seit der Corona-Pandemie heftig umstritten ist?

Und dann kommt die Geldfrage

Denn die WHO ist längst nicht ausschließlich eine von Staaten über Pflichtbeiträge finanzierte Organisation.

Die OECD stellte 2026 fest, dass private und philanthropische Geldgeber inzwischen einen wachsenden Anteil ihrer Finanzierung stellen. Besonders bemerkenswert: Die Gates Foundation war nach OECD-Angaben beim WHO-Programmbudget 2024/25 der größte Geldgeber.

Die OECD formuliert die damit verbundene Problematik ungewöhnlich deutlich: Eine stärkere Abhängigkeit von nichtstaatlichen Geldgebern könne Auswirkungen auf Prioritätensetzung, Entscheidungsprozesse und das Verhältnis zwischen gemeinsam beschlossenen Aufgaben und den Präferenzen einzelner Geldgeber haben.

Und damit führt die Spur unmittelbar zu Gavi.

Die Gates Foundation gehört zu den Gründungspartnern der Impfallianz. Nach Angaben von Gavi stellte Gates 1999 zunächst 750 Millionen Dollar als Startkapital bereit. Inzwischen summieren sich die Zusagen der Stiftung an Gavi auf rund 4,1 Milliarden Dollar.

Gavi wiederum bezeichnet die WHO als einen seiner zentralen Partner. Das bedeutet nicht, dass Bill Gates die WHO kontrolliert. Ebenso wenig belegt es, dass Gates die BRICS-Gesundheitspolitik diktiert. Eine solche Behauptung wäre unseriös.

Aber es zeigt ein strukturelles Problem, über das beim Jubel über eine angeblich neue multipolare Weltordnung kaum gesprochen wird: Wer die WHO politisch stärkt, stärkt eine Organisation, deren Arbeit erheblich von zweckgebundenen und teilweise privaten Finanzierungsströmen abhängt.

BRICS baut Überwachung aus – unter dem Dach der WHO

Gerade deshalb verdient die Formulierung der New Delhi Declaration Aufmerksamkeit.

Dort geht es nicht nur um Krankenhäuser oder eine bessere medizinische Versorgung für arme Bevölkerungsschichten. Es geht um widerstandsfähige Überwachungssysteme, Frühwarnmechanismen, Informationsaustausch, digitale Gesundheitstechnologien, künstliche Intelligenz, regulatorische Zusammenarbeit, Impfstoffentwicklung und koordinierte Reaktionen auf künftige Gesundheitsnotlagen.

Das kann medizinisch sinnvoll sein. Doch nach den Erfahrungen der Corona-Jahre muss gleichzeitig die politische Frage erlaubt sein, wer solche Systeme kontrolliert, welche Daten ausgetauscht werden, wer einen Gesundheitsnotstand definiert und wie viel nationale Entscheidungsfreiheit am Ende tatsächlich erhalten bleibt.

Interessanterweise haben die BRICS-Staaten diese Gefahr offenbar selbst erkannt. In derselben Passage zum PABS-System bestehen sie ausdrücklich auf den souveränen Rechten der Staaten über ihre biologischen Ressourcen und auf ihrem Recht, eigene Gesetze zu erlassen.

Das zeigt: Auch innerhalb von BRICS ist die Frage der Kontrolle keineswegs nebensächlich.

Multipolare Welt – dieselbe Gesundheitsarchitektur?

Genau hier liegt der Widerspruch.

BRICS will die Dominanz westlicher Finanzinstitutionen zurückdrängen, nationale Währungen stärken und politische Abhängigkeiten reduzieren. Gleichzeitig bekennt sich der Staatenbund bei der globalen Gesundheit ausdrücklich zur WHO, ihren Internationalen Gesundheitsvorschriften und den weiteren Verhandlungen über das Pandemieabkommen.

Tedros‘ Anwesenheit in Neu-Delhi ist deshalb mehr als ein diplomatisches Detail.

Sie zeigt, dass die WHO offenbar versucht, ihre Rolle auch in einer zunehmend multipolaren Welt zu verankern. Washington mag sich zurückziehen – doch mit China, Indien, Russland, Brasilien, Iran und den übrigen BRICS-Staaten öffnet sich für die Organisation ein riesiger neuer politischer Raum.

Für Kritiker global zentralisierter Gesundheitspolitik dürfte deshalb eine Frage entscheidend werden:

Was nützt eine neue multipolare Weltordnung, wenn bei der nächsten Gesundheitskrise wieder dieselben internationalen Strukturen bestimmen, wie überwacht, gewarnt, koordiniert und reagiert wird?

BRICS wollte eine Alternative zur alten Ordnung schaffen. Bei der Gesundheitspolitik sieht es derzeit eher danach aus, als würde die alte Architektur einfach multipolar erweitert.

 

Impf-König Gates dürfte es freuen: BRICS übernimmt zentrale WHO-Strukturen und baut die globale Gesundheitsüberwachung weiter aus