16. Oktober 2026

Projekt Forum

Neuigkeiten / Berichte / Informationen

Die Abkehr beginnt: US-Thinktank fordert historischen Rückzug aus Asien

 

Jahrzehntelang bauten die USA ihre militärische Präsenz rund um China aus. Nun fordert der etablierte Washingtoner Thinktank Defense Priorities einen radikalen Kurswechsel: raus aus der ersten Inselkette, Zehntausende Soldaten abziehen, Bündnisverpflichtungen reduzieren – und keinen Krieg mit China um Taiwan führen.

Es ist noch keine Politik der US-Regierung. Doch allein, dass ein etablierter Thinktank in Washington einen derart weitreichenden Rückzug öffentlich durchdekliniert, zeigt, dass sich die strategische Debatte in den USA verändert.

Defense Priorities fordert in einer neuen Analyse nichts weniger als einen grundlegenden Umbau der amerikanischen Militärordnung in Asien. Die USA sollten ihre jahrzehntelange Konzentration auf die sogenannte erste Inselkette – Japan, Südkorea, Taiwan und die Philippinen – aufgeben und ihre Kräfte weiter zurück auf die zweite Inselkette verlagern.

Das würde einen massiven Einschnitt bedeuten. Heute sind laut der Analyse rund 90.000 US-Soldaten in Asien stationiert, etwa 55.000 davon allein in Japan. Defense Priorities will den Großteil der Army- und Marine-Corps-Kräfte aus der Region abziehen und auch Luftwaffe und Marine deutlich reduzieren.

Besonders drastisch ist der Vorschlag für Japan: Die US-Präsenz soll zunächst auf etwa 5.000 Soldaten reduziert werden. Bis 2035 soll schließlich auch die permanente Stationierung weitgehend beendet und durch begrenzte rotierende Einsätze ersetzt werden.

Auch die jahrzehntealten amerikanischen Sicherheitsgarantien stehen zur Disposition. Die Autoren fordern, die gegenseitigen Verteidigungsbündnisse mit Japan, Südkorea, den Philippinen und Australien auslaufen zu lassen beziehungsweise durch wesentlich begrenztere Sicherheitspartnerschaften zu ersetzen.

Noch brisanter ist Taiwan.

Washington solle die bisherige strategische Mehrdeutigkeit beenden und ausdrücklich erklären, dass die USA nicht militärisch in einen Krieg um Taiwan eingreifen werden. Auch amerikanische Militärberater auf Taiwan sollen abgezogen werden. Die Autoren argumentieren, dass die heutige Politik die USA unnötig der Gefahr eines direkten Krieges mit China aussetze.

Statt unmittelbar vor Chinas Küste präsent zu sein, sollen sich die verbliebenen amerikanischen Streitkräfte stärker auf Guam, Palau, Mikronesien und die Marshallinseln konzentrieren. Dort wären sie nach Ansicht der Autoren weniger verwundbar und könnten gleichzeitig wichtige Handelswege sichern.

Der Umbau soll schnell beginnen. Erste Rückzüge – insbesondere aus Südkorea sowie Änderungen der Taiwan-Politik – könnten innerhalb weniger Jahre erfolgen. Der Großteil der neuen Strategie soll bis 2030, der vollständige Umbau bis 2035 abgeschlossen sein.

Das Papier stellt damit eine Grundannahme der amerikanischen Asienpolitik infrage: dass immer mehr Stützpunkte, Soldaten, Raketen und Bündnisverpflichtungen automatisch mehr Sicherheit schaffen.

Defense Priorities argumentiert genau umgekehrt. Je näher amerikanische Streitkräfte an China stationiert seien und je umfassender Washington seine regionalen Sicherheitsgarantien gestalte, desto größer werde auch das Risiko, dass die USA in einen Krieg mit einer anderen Atommacht hineingezogen werden.

Noch ist dies keine neue Strategie Washingtons. Die aktuelle US-Verteidigungspolitik setzt weiterhin auf eine starke Präsenz im Indo-Pazifik. Doch der bemerkenswerte Punkt ist ein anderer:

In Washington wird inzwischen offen darüber diskutiert, ob die amerikanische Vorherrschaft entlang der chinesischen Küste überhaupt noch im Interesse der USA liegt – und ob Amerika sicherer wäre, wenn es einen großen Teil seiner seit Jahrzehnten aufgebauten Militärpräsenz wieder zurückzieht.

Sollte sich diese Denkrichtung durchsetzen, wäre es nicht nur eine Truppenverlegung. Es wäre eine Abkehr von einem zentralen Pfeiler der amerikanischen Nachkriegsordnung in Asien.

Die zugrunde liegende Analyse fordert tatsächlich Nichtintervention bei Taiwan, das Auslaufen der Verteidigungsbündnisse, starke Truppenreduzierungen und die Verlagerung auf die zweite Inselkette; die meisten Veränderungen sollen bis 2030 und alle bis 2035 abgeschlossen sein.

 

Die Abkehr beginnt: US-Thinktank fordert historischen Rückzug aus Asien