16. Oktober 2026

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Die neuen Herrschenden: Wem gehört die Macht im Zeitalter von KI und Cloud?

 

Es gibt eine Macht, die man nicht auf einem Wahlzettel findet. Sie sitzt nicht zwingend in einem Parlament, trägt keinen Ministertitel und muss sich keiner öffentlichen Wahl stellen. Und doch entscheidet sie zunehmend darüber, welche Technologien entwickelt werden, welche Daten verarbeitet werden, welche Forschung finanziert wird und welche Unternehmen überhaupt noch die Möglichkeit haben, unabhängig zu handeln.

Diese Macht hat keine einheitliche Adresse. Sie steckt in Rechenzentren, Cloud-Plattformen, Datenbeständen, Algorithmen, Patenten, Beteiligungen und den Netzwerken, die all diese Dinge miteinander verbinden.

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Genau hier setzt das Buch The Rulers – Corporate Power in the Age of AI and the Cloud der Ökonomin Cecilia Rikap an. Die zentrale Frage ist nicht einfach, ob Google, Microsoft, Amazon oder andere Technologiekonzerne zu gross geworden sind. Die interessantere Frage lautet: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn Unternehmen Macht ausüben können, ohne alles besitzen zu müssen?

Rikap nennt dieses Prinzip «control beyond ownership» – Kontrolle jenseits des Eigentums. Es ist eine Entwicklung, die sich von globalen Lieferketten über Franchise-Systeme und digitale Plattformen bis zur Produktion von Wissen fortgesetzt hat. Wissen entsteht dabei häufig durch die Zusammenarbeit vieler Menschen und Institutionen, wird aber am Ende von wenigen Unternehmen kontrolliert und wirtschaftlich abgeschöpft.

Das verändert die klassische Vorstellung vom Unternehmen.

Früher war wirtschaftliche Macht relativ leicht zu erkennen. Eine Firma besass eine Fabrik, Maschinen, Grundstücke und vielleicht ein Netz von Filialen. Heute kann ein Unternehmen eine Branche kontrollieren, ohne sämtliche Teile dieser Branche zu besitzen. Es genügt, an den entscheidenden Stellen des Systems zu sitzen.

Gerade bei der künstlichen Intelligenz wird diese Entwicklung sichtbar.

Rikap verweist auf die Forschung im Bereich der KI und beschreibt, wie grosse Technologiekonzerne bereits im Zentrum wissenschaftlicher Netzwerke stehen. In ihrer Analyse hatten Microsoft und Google eine zentrale Stellung in der damaligen Frontier-AI-Forschung. Gleichzeitig zeigt sie ein bemerkenswertes Verhältnis zwischen gemeinsamer Wissensproduktion und Eigentum: Bei Microsoft hatten 88 Prozent der untersuchten Publikationen mindestens einen Koautor ausserhalb des Unternehmens, während nur rund ein Prozent der Patente einen Miteigentümer ausserhalb Microsofts aufwies.

Das ist der entscheidende Punkt.

Wissen kann gemeinsam produziert werden, ohne dass die daraus entstehende wirtschaftliche Macht ebenfalls gemeinsam verteilt wird.

Viele forschen. Viele programmieren. Viele liefern Daten. Viele entwickeln Ideen. Doch am Ende können wenige Unternehmen die Infrastruktur kontrollieren, auf der diese Arbeit zusammenläuft.

Rikap beschreibt dies als eine Form von «knowledge extractivism». Die Analogie zum Rohstoffabbau liegt nahe: Die Ressource wird von vielen erzeugt oder bereitgestellt, während ein kleiner Kreis die entscheidenden Mechanismen ihrer Verwertung kontrolliert.

Und dann kommt die Cloud.

Sie ist weit mehr als ein riesiges Rechenzentrum irgendwo auf der Welt. Die Cloud wird zur Infrastruktur, über die digitale Produkte produziert, gehandelt und genutzt werden. Genau darin liegt ihre strategische Bedeutung. Wer KI entwickeln oder als Dienst anbieten will, benötigt Rechenleistung, Daten, Speicher und Schnittstellen. Immer mehr davon läuft über einige wenige grosse Cloud-Anbieter.

Rikap spricht deshalb von einer doppelten Macht. Einerseits entsteht eine Art Engpassmacht: Wer digitale Dienste anbieten will, kommt an der Infrastruktur der Cloud kaum vorbei. Andererseits entsteht eine Überwachungs- oder «Panopticon»-Macht, weil die Betreiber Einblick in Metadaten und die Nutzung ihrer digitalen Dienste erhalten.

Das ist politisch wesentlich interessanter als die Frage, welcher Chatbot gerade die besseren Antworten liefert.

Denn während die öffentliche Diskussion über KI häufig zwischen ChatGPT, Gemini, Claude oder anderen Modellen pendelt, liegt ein grosser Teil der eigentlichen Macht eine Ebene darunter: bei der Infrastruktur.

Wer die Modelle besitzt, ist wichtig.

Wer aber die Infrastruktur kontrolliert, auf der diese Modelle trainiert, betrieben und verkauft werden, besitzt möglicherweise die stärkere Position.

Genau deshalb warnt Rikap davor, die einzelnen Teile des KI-Ökosystems isoliert zu betrachten. Erst waren die Daten das grosse Thema. Dann wurden die Modelle zum angeblichen Geheimnis der neuen Ökonomie. Heute rücken die Rechenzentren in den Mittelpunkt. Doch entscheidend sei das Zusammenspiel dieser Elemente – und genau dort liege die Bedeutung der Cloud.

Das führt zu einer unangenehmen Frage: Leben wir tatsächlich noch in einer Wirtschaft, die hauptsächlich durch Märkte koordiniert wird?

Wenn grosse Unternehmen zunehmend ihre eigenen Lieferketten, Plattformen, Franchise-Systeme und technologischen Ökosysteme planen und kontrollieren, verschwimmt die Grenze zwischen Markt und Planung. Rikap spricht deshalb von Formen «autoritären Planens», die nicht nur von Staaten, sondern zunehmend auch von Konzernen ausgeübt werden.

Das ist der Moment, in dem aus einer technischen Debatte eine demokratische Frage wird.

Denn wer entscheidet eigentlich, welche Technologie entwickelt wird?

Wer bestimmt, welche Daten gesammelt werden?

Wer entscheidet, welche Forschung Geld bekommt?

Wer legt fest, welche Fähigkeiten Kinder in der Schule noch lernen sollen, weil Algorithmen bestimmte Aufgaben übernehmen können?

Und wer kontrolliert jene Unternehmen, die solche Entscheidungen beeinflussen?

Auf diese Frage gibt es bislang keine einfache Antwort. Denn Unternehmen wie Microsoft, Google oder Amazon sind keine Regierungen. Aber ihre Infrastruktur kann für Unternehmen, Universitäten, Behörden und ganze Volkswirtschaften so wichtig werden, dass ihre Entscheidungen politische Wirkung entfalten.

Das Problem verschärft sich durch den Wettbewerb um Fachkräfte.

Mariana Mazzucato weist während der Diskussion darauf hin, dass öffentliche Universitäten und Forschungseinrichtungen bei der Bezahlung führender KI-Forscher kaum noch mit den grossen Technologiekonzernen mithalten können. Dadurch wandert Wissen aus öffentlichen Institutionen in private Unternehmen. Rikap ergänzt, dass es dabei nicht nur um Geld geht. Es gehe auch um Zugang zu Daten, Infrastruktur, Kollegen und vor allem um einen gemeinsamen Zweck.

Damit entsteht ein bemerkenswerter Kreislauf.

Öffentliche Forschung schafft über Jahrzehnte Wissen und Fähigkeiten. Universitäten bilden Menschen aus. Staaten finanzieren Grundlagenforschung. Anschliessend können private Unternehmen die besten Talente anwerben und die daraus entstehenden Technologien kommerziell kontrollieren.

Das bedeutet nicht, dass private Unternehmen keine Innovation hervorbringen. Es bedeutet aber, dass die Geschichte der Innovation wesentlich komplizierter ist, als es die Erfolgsgeschichten des Silicon Valley vermuten lassen.

Innovation entsteht häufig gemeinsam.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wer etwas erfindet, sondern auch, wer am Ende darüber bestimmen kann, was mit dieser Erfindung geschieht.

Und genau hier liegt vielleicht die wichtigste Botschaft von Rikaps Buch.

Die neue Macht ist nicht unbedingt die Macht desjenigen, der die grösste Fabrik besitzt. Es ist die Macht desjenigen, der die Infrastruktur kontrolliert, von der andere abhängig geworden sind.

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Ein Unternehmen kann heute von einem anderen abhängig sein, obwohl es formal unabhängig bleibt. Eine Universität kann eigene Forscher haben und trotzdem auf private Cloud-Infrastruktur angewiesen sein. Ein Staat kann über digitale Souveränität sprechen und gleichzeitig zentrale Teile seiner digitalen Infrastruktur bei ausländischen Konzernen beziehen.

Souveränität wird damit zu einer Frage der Infrastruktur.

Und diese Frage betrifft längst nicht nur die USA.

Auch Europa steht vor diesem Problem. Auch die Schweiz.

Die Schweiz verfügt über starke Universitäten, Forschungseinrichtungen, Unternehmen und eine traditionell ausgeprägte Vorstellung von politischer und wirtschaftlicher Eigenständigkeit. Doch Eigenständigkeit in der analogen Welt garantiert noch keine Eigenständigkeit in einer digitalen Wirtschaft.

Wenn zentrale digitale Dienste, KI-Systeme und Cloud-Infrastrukturen von wenigen globalen Unternehmen kontrolliert werden, kann ein Land politisch souverän sein und gleichzeitig technologisch abhängig.

Das ist vielleicht die eigentliche Bruchlinie der kommenden Jahre.

Nicht zwischen links und rechts. Nicht zwischen Mensch und Maschine. Sondern zwischen denen, die digitale Infrastruktur kontrollieren, und denen, die auf diese Infrastruktur angewiesen sind.

Rikap endet deshalb nicht mit einer Forderung nach einem Kampf gegen Technologie. Im Gegenteil. Ihre Frage lautet, ob eine andere Technologie möglich ist – eine Technologie, über deren Zweck und Einsatz demokratischer entschieden wird. Sie fordert letztlich, nicht Technologie um ihrer selbst willen zu übernehmen, sondern zuerst zu fragen, welches gesellschaftliche Problem überhaupt gelöst werden soll.

Das klingt zunächst selbstverständlich.

Ist es aber nicht.

Denn die gegenwärtige KI-Euphorie erzeugt einen enormen Anpassungsdruck. Unternehmen wollen KI einsetzen, Behörden wollen KI einsetzen, Schulen wollen KI einsetzen. Und manchmal scheint die Frage «Warum?» bereits hinter der Frage «Wie schnell?» zu verschwinden.

Genau darin liegt die Gefahr.

Technologie ist niemals nur Technologie. Sie verkörpert Entscheidungen darüber, wer Daten besitzt, wer Regeln setzt, wer Zugang erhält und wer am Ende von den wirtschaftlichen Erträgen profitiert.

Die vielleicht wichtigste Frage des kommenden digitalen Zeitalters lautet deshalb nicht: Was kann künstliche Intelligenz?

Sondern:

Wer kontrolliert die Welt, in der künstliche Intelligenz überhaupt funktionieren kann?

Denn wenn Wissen von vielen erzeugt, aber von wenigen kontrolliert wird, wenn Forschung zunehmend von privaten Ressourcen abhängig wird und wenn die digitale Infrastruktur selbst zum Flaschenhals der Wirtschaft wird, dann verändert sich auch das Machtgefüge einer Gesellschaft.

Die neuen Herrschenden müssen dafür nicht im Parlament sitzen.

Vielleicht reicht es, wenn sie auf den Servern sitzen.

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