25. September 2026

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Künstlicher Süßstoffe mit beschleunigter Gehirnalterung in Verbindung gebracht

 

Jahrzehntelang wurden kalorienarme und kalorienfreie Süßstoffe als vermeintlich gesündere Alternative zu Zucker vermarktet. Eine neue wissenschaftliche Studie stellt dieses Bild nun infrage: Regelmäßiger und hoher Konsum bestimmter Süßstoffe war bei Erwachsenen mit einem deutlich schnelleren Rückgang von Gedächtnis und Denkfähigkeit verbunden.

Forscher der Universität São Paulo untersuchten Daten von fast 13.000 Erwachsenen und konzentrierten sich auf sieben weit verbreitete Süßstoffe: Aspartam (E951), Saccharin (E954), Acesulfam-K (E950), Erythrit (E968), Xylit (E967), Sorbit (E420) und Tagatose. Sie finden sich in Erfrischungsgetränken, Light- und Diätprodukten, Süßigkeiten, Joghurt und zahlreichen anderen industriell verarbeiteten Lebensmitteln.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht und von der American Academy of Neurology vorgestellt.

Bis zu 62 Prozent schnellerer kognitiver Rückgang

Die Studienteilnehmer wurden über einen längeren Zeitraum beobachtet und wiederholt auf Gedächtnisleistung und Denkfähigkeit getestet.

Das Ergebnis ist bemerkenswert: Bei den Teilnehmern mit dem höchsten Süßstoffkonsum verlief der kognitive Rückgang 62 Prozent schneller als bei jenen mit dem niedrigsten Konsum. In der mittleren Konsumgruppe lag er noch immer 35 Prozent höher.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Studie beweist, dass Süßstoffe Demenz verursachen. Es handelt sich um einen beobachteten Zusammenhang. Andere Faktoren können eine Rolle spielen, und die Forscher selbst fordern weitere Untersuchungen.

Doch angesichts der millionenfachen täglichen Verwendung dieser Substanzen ist das Signal kaum belanglos.

Ausgerechnet Diabetiker besonders betroffen

Besonders brisant sind die Ergebnisse für Menschen mit Diabetes. Gerade ihnen wird seit Jahren empfohlen, Zucker zu reduzieren und stattdessen häufig auf kalorienarme oder kalorienfreie Alternativen zurückzugreifen.

Studienleiterin Dr. Claudia Kimie Suemoto weist jedoch darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen Süßstoffkonsum und beschleunigtem kognitivem Abbau bei Menschen mit Diabetes besonders ausgeprägt war.

Damit stellt sich eine unangenehme Frage: Wie viele Menschen sind im Vertrauen auf gesundheitliche Empfehlungen auf Süßstoffe umgestiegen, obwohl mögliche langfristige Auswirkungen auf das Gehirn noch längst nicht abschließend geklärt waren?

„Zuckerfrei“, „Light“ und „Zero“ sind nicht automatisch gesund

Süßstoffe begegnen Verbrauchern längst nicht mehr nur als kleine Tabletten für Kaffee und Tee. Sie stecken in Tausenden hochverarbeiteten Lebensmitteln und Getränken und werden häufig mit Begriffen wie „zuckerfrei“, „light“ oder „zero“ verbunden. Genau dadurch entstand über Jahrzehnte ein gesundheitlicher Nimbus: weniger Zucker, weniger Kalorien – also vermeintlich die bessere Wahl.

Die neue Untersuchung erschüttert diese einfache Gleichung.

„Kalorienarme und kalorienfreie Süßstoffe werden oft als gesunde Alternative zu Zucker angesehen, doch unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Süßstoffe langfristig negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Gehirns haben können“, erklärt Suemoto.

Die Botschaft ist deshalb nicht, dass Zucker plötzlich gesund wäre. Vielmehr zeigt sich erneut, wie problematisch es sein kann, hochverarbeitete Ersatzprodukte vorschnell als gesundheitlich überlegen darzustellen.

Die Lebensmittelindustrie hat Milliarden mit der „gesunden Alternative“ verdient

Für die Lebensmittelindustrie sind Süßstoffe ein riesiger Markt. Sie ermöglichen Produkte, die süß schmecken und gleichzeitig mit weniger Zucker oder Kalorien beworben werden können.

Die Stoffe wurden von Aufsichtsbehörden zugelassen und über Jahrzehnte in immer mehr Produkten eingesetzt. Kritiker insbesondere von Aspartam und Saccharin warnten schon lange vor möglichen gesundheitlichen Folgen, während Behörden und Hersteller auf bestehende Sicherheitsbewertungen verwiesen.

Die neue Studie beweist nicht, dass frühere Zulassungen falsch waren. Sie zeigt aber, dass die Frage möglicher Langzeitfolgen keineswegs erledigt ist.

Besonders problematisch ist dabei, dass Menschen in der Realität selten nur einem einzelnen Süßstoff ausgesetzt sind. Wer regelmäßig industriell verarbeitete Lebensmittel konsumiert, kann unterschiedliche Substanzen aus zahlreichen Produkten gleichzeitig aufnehmen.

Lebensmittelindustrie verdient an Süßstoffen – Pharmaindustrie an kognitiven Erkrankungen

Der ursprüngliche Bericht verweist zudem auf eine brisante wirtschaftliche Konstellation: Die Lebensmittelindustrie verdient Milliarden mit künstlichen und kalorienarmen Süßstoffen, während gleichzeitig Milliarden mit Medikamenten gegen Demenz und andere kognitive Erkrankungen umgesetzt werden.

Die berechtigte Frage ist eine andere: Sind die langfristigen gesundheitlichen Folgen von Stoffen, denen Millionen Menschen täglich ausgesetzt sind, tatsächlich ausreichend untersucht worden? Denn eine behördliche Zulassung bedeutet nicht automatisch, dass jede mögliche Folge jahrzehntelanger Einnahme oder jede Kombination verschiedener Substanzen abschließend erforscht wurde.

Was Verbraucher daraus lernen können

Die Konsequenz muss nicht darin bestehen, Zucker durch große Mengen eines anderen Süßungsmittels zu ersetzen. Vielmehr spricht die Untersuchung dafür, die Abhängigkeit von stark verarbeiteten und künstlich gesüßten Produkten grundsätzlich zu hinterfragen.

Etiketten zu lesen wird dabei immer wichtiger. Begriffe wie „zuckerfrei“, „light“ und „zero“ sagen zunächst nur etwas darüber aus, was reduziert oder ersetzt wurde – nicht darüber, ob das gesamte Produkt langfristig gesundheitlich vorteilhaft ist.

Die jetzt in Neurology veröffentlichte Untersuchung gehört zu den umfangreicheren Studien über Süßstoffe und kognitive Entwicklung. Die Wissenschaftler betonen ausdrücklich, dass weitere Forschung notwendig ist.

Doch die Ergebnisse stellen eine seit Jahrzehnten gepflegte Vorstellung infrage: dass Zucker einfach durch Süßstoffe ersetzt werden könne und damit automatisch die „gesündere“ Lösung gefunden sei.

 

Künstlicher Süßstoffe mit beschleunigter Gehirnalterung in Verbindung gebracht