25. September 2026

Projekt Forum

Neuigkeiten / Berichte / Informationen

Veröffentlichte E-Mails: Kanada wusste von DNA-Rückständen im Pfizer-Impfstoff – was wussten unsere Behörden?

 

Neu veröffentlichte beziehungsweise durch Informationszugang zugänglich gewordene Unterlagen aus Kanada werfen erneut Fragen über die regulatorische Prüfung des COVID-19-Impfstoffs Comirnaty von Pfizer/BioNTech auf. Im Mittelpunkt stehen Reste von Plasmid-DNA aus dem Herstellungsprozess und insbesondere eine sogenannte SV40-Promotor/Enhancer-Sequenz.

Dass Health Canada sich bereits 2023 mit dieser Frage beschäftigte, ist keine Spekulation. Die kanadische Gesundheitsbehörde bestätigte später gegenüber dem Parlament, dass sie im Juli 2023 das Vorhandensein der SV40-Promotor/Enhancer-Sequenz im zur Herstellung von Comirnaty verwendeten Plasmid sowie in residualer DNA im fertigen Impfstoff untersuchte. Pfizer wurde aufgefordert, zusätzliche Informationen zu den betreffenden Sequenzen vorzulegen.

Genau hier werden die nun öffentlich diskutierten internen Dokumente interessant. Sie zeigen, dass innerhalb von Health Canada über die SV40-Sequenzen, die Charakterisierung der verbliebenen Plasmid-DNA und die Frage diskutiert wurde, welche Informationen Pfizer den Behörden ursprünglich zur Verfügung gestellt hatte. Zeitweise war sogar eine formelle „Issue Analysis Summary“ vorgesehen.

Diese Untersuchung wurde letztlich nicht in der ursprünglich erwogenen Form weitergeführt. Nach der späteren offiziellen Darstellung von Health Canada wurde die gesonderte Analyse als nicht erforderlich betrachtet, weil die Behörde die Menge der residualen DNA im Endprodukt als unterhalb des international verwendeten Grenzwerts von zehn Nanogramm pro Dosis bewertete.

Damit stehen zwei Ebenen nebeneinander: Auf der einen Seite zeigen die internen Vorgänge, dass die Behörde genügend Klärungsbedarf sah, um Pfizer detaillierte Fragen zu stellen. Auf der anderen Seite kam Health Canada regulatorisch zu dem Ergebnis, dass daraus kein nachgewiesenes Sicherheitsproblem resultiere.

Pfizer hatte die SV40-Sequenz nicht ausdrücklich hervorgehoben

Besonders brisant ist die Frage, was die Behörden bei der ursprünglichen Zulassung wussten. Health Canada erklärte bereits früher, dass Pfizer zwar die vollständige DNA-Sequenz des verwendeten Plasmids eingereicht hatte, die SV40-Sequenz darin jedoch nicht ausdrücklich als solche hervorgehoben worden war.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Es bedeutet nicht, dass Pfizer der Behörde die komplette Plasmidsequenz vorenthalten hatte. Es bedeutet aber, dass ein genetisches Element, dessen ausdrückliche Identifizierung Health Canada nach eigener Aussage von einem Hersteller erwartet, nicht entsprechend gekennzeichnet worden war.

Nachdem unabhängige Forscher wie Kevin McKernan das Thema öffentlich gemacht hatten, konnte Health Canada die betreffende Sequenz anhand der bereits vorliegenden Plasmiddaten identifizieren und verlangte weitere Erklärungen von Pfizer.

Der Konzern antwortete auf die Fragen der Behörde. Health Canada erklärte später gegenüber dem kanadischen Parlament, Pfizer habe damit sämtliche Fragen beantwortet. Details der Kommunikation wurden zunächst unter Hinweis auf vertrauliche Geschäftsinformationen nicht veröffentlicht.

Gerade diese Darstellung sorgte später für weitere Fragen. Der konservative Abgeordnete Dean Allison verlangte im kanadischen Parlament detaillierte Auskunft darüber, ob Pfizer tatsächlich eine vollständige Begründung für die SV40-Sequenzen geliefert hatte, ob eine vollständig annotierte Tabelle der funktionellen und nicht funktionellen Bestandteile des Plasmids vorgelegt worden war, wie die Rest-DNA bestimmt wurde und ob Health Canada die entsprechenden Messungen unabhängig überprüft hatte.

Parlament bekam eine stark beruhigende Darstellung

In der offiziellen Antwort vom Juni 2024 erklärte die kanadische Regierung, die SV40-Promotor/Enhancer-Sequenz sei inaktiv, habe keine funktionelle Rolle und stelle wegen der niedrigen Mengen residualer DNA nur ein geringes Risiko dar. Zudem seien keine entsprechenden Sicherheitssignale festgestellt worden.

Damit wurde gegenüber dem Parlament ein wesentlich beruhigenderes Bild vermittelt als jenes, das Kritiker aus der inzwischen bekannten internen Korrespondenz ableiten.

Genau daraus ergibt sich eine zentrale journalistische Frage: Wie gross war die regulatorische Unsicherheit innerhalb der Behörde tatsächlich – und wurde diese Unsicherheit gegenüber Parlament und Öffentlichkeit ausreichend transparent dargestellt?

Was bedeutet „SV40“ überhaupt?

Hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. In Comirnaty wurde nicht das vollständige Simian Virus 40 nachgewiesen. Es geht um kurze regulatorische DNA-Sequenzen, die ursprünglich aus SV40 stammen und Bestandteil des für die Impfstoffproduktion verwendeten Plasmids sind.

Das ist deshalb relevant, weil die Bezeichnung „SV40“ leicht den Eindruck erweckt, im Impfstoff befinde sich das krebserregende Virus selbst. Das ist nicht der Fall.

Pfizer erklärt, dass lediglich nicht infektiöse Teile einer SV40-Sequenz im Ausgangsmaterial vorhanden seien und dass dieses DNA-Ausgangsmaterial keine Onkogene enthalte. Auch Health Canada bewertet die verbliebenen Sequenzen als niedriges Risiko.

Damit ist die wissenschaftliche Diskussion allerdings nicht vollständig beendet.

Unabhängige Untersuchungen kommen teilweise zu anderen Ergebnissen

Kevin McKernan gehörte zu den ersten Forschern, die öffentlich auf residuale Plasmid-DNA und die SV40-Promotor/Enhancer-Sequenz aufmerksam machten. Später untersuchten weitere Wissenschaftler Impfstofffläschchen mit unterschiedlichen Messverfahren.

Eine inzwischen in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlichte Untersuchung kanadischer Proben fand sowohl in Pfizer- als auch in Moderna-Produkten residuale Plasmid-DNA. Die SV40-Promotor/Enhancer/Origin-Sequenz wurde dabei nur in den untersuchten Pfizer-Proben nachgewiesen. Je nach verwendeter Messmethode kamen die Autoren zu sehr unterschiedlichen Mengenangaben. Bei qPCR lagen sämtliche Moderna-Proben innerhalb des Grenzwerts; bei einigen Pfizer-Proben wurden für die untersuchte SV40-Sequenz höhere Werte ermittelt. Die Autoren sehen darin weiteren Untersuchungsbedarf.

Andere Forschungsgruppen kamen dagegen zu einem anderen Ergebnis. Eine systematische Untersuchung mit mehreren unabhängigen Messmethoden fand bei den untersuchten Chargen keine Überschreitung des Grenzwerts von zehn Nanogramm DNA pro Dosis. Auch die australische Arzneimittelbehörde TGA erklärte nach eigenen Untersuchungen zahlreicher Chargen, keine Überschreitung der zulässigen Rest-DNA-Werte bestätigt zu haben.

Die Behauptung, eine gefährliche DNA-Kontamination sei wissenschaftlich abschliessend bewiesen, geht daher über den gegenwärtigen Stand der Belege hinaus. Umgekehrt ist inzwischen dokumentiert, dass residuale Plasmid-DNA und SV40-regulatorische Sequenzen existieren und von mehreren Aufsichtsbehörden untersucht wurden.

Und wer wusste ausser Kanada davon?

Genau hier wird die Geschichte international.

Die europäische Arzneimittelbehörde EMA bestätigte ebenfalls, dass die SV40-Sequenz Bestandteil des bei der Herstellung von Comirnaty verwendeten DNA-Plasmids ist. Nach Angaben der EMA hatte der Hersteller bei der ursprünglichen europäischen Zulassung die vollständige DNA-Sequenz des Plasmids eingereicht, die SV40-Sequenz jedoch ebenfalls nicht ausdrücklich hervorgehoben. Die EMA erklärte dies damit, dass sie als nicht funktioneller Bestandteil des Ausgangsplasmids betrachtet worden sei.

Mittlerweile liegt bei der EMA sogar ein ausführlicher Bericht von Pfizer zur Charakterisierung der residualen DNA öffentlich vor. Darin bestätigt Pfizer, dass untersuchte Comirnaty-Wirkstoffchargen erwartungsgemäss positiv auf SV40-Sequenzelemente getestet wurden. Pfizer kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass die Rest-DNA unterhalb der international empfohlenen Grenzwerte liege und daraus kein Sicherheitsrisiko resultiere.

Auch die australische TGA beschäftigte sich mit dem Thema. Veröffentlichte Unterlagen zeigen, dass dort die Plasmidstruktur und die SV40-Sequenzen ebenfalls Gegenstand regulatorischer Bewertungen waren. Die Behörde hält nach eigenen Prüfungen daran fest, dass die zugelassenen Grenzwerte für residuale DNA eingehalten werden.

Damit kann die Angelegenheit kaum noch als rein kanadische Kontroverse betrachtet werden. Mindestens Kanada, die Europäische Union und Australien haben sich regulatorisch mit den SV40-Sequenzen beziehungsweise residualer Plasmid-DNA beschäftigt. Auch in den USA wurde das Thema öffentlich gegenüber der FDA vorgebracht.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr nur: War DNA vorhanden?

Dass nach dem Herstellungsprozess geringe Mengen residualer DNA vorhanden sein können, wird von den Behörden und inzwischen auch von Pfizer nicht grundsätzlich bestritten. Ebenso ist dokumentiert, dass das für Comirnaty verwendete Plasmid SV40-regulatorische Sequenzelemente enthält.

Die entscheidenden Fragen liegen eine Ebene tiefer: Welche Mengen waren tatsächlich in den einzelnen Chargen vorhanden? Welches Messverfahren bildet diese Mengen zuverlässig ab? Welche Bedeutung hat die Verpackung solcher DNA-Fragmente in Lipidnanopartikeln? Und reichen die bestehenden Grenzwerte und Prüfverfahren aus, um mögliche langfristige Risiken sicher auszuschliessen?

Vor allem aber stellt sich eine Transparenzfrage. Wenn Health Canada 2023 intern Klärungsbedarf sah, wenn die EMA dieselbe nicht ausdrücklich hervorgehobene SV40-Sequenz in den eingereichten Plasmiddaten bestätigte und wenn auch andere Behörden das Thema später untersuchten, muss geklärt werden, wann welche Aufsichtsbehörde davon wusste, welche Fragen sie den Herstellern stellte und warum diese Diskussion gegenüber der Öffentlichkeit kaum sichtbar geführt wurde.

Aus einer zunächst kanadischen Geschichte wird damit eine internationale: Nicht nur was Health Canada wusste, ist von Interesse. Entscheidend ist, was EMA, FDA, TGA, Swissmedic und andere Arzneimittelbehörden wussten – und seit wann.

Die internationale Dimension lässt sich inzwischen gut belegen: Die EMA bestätigt die SV40-Sequenzelemente, und ein veröffentlichter Pfizer-Bericht bestätigt sie ebenfalls in untersuchten Comirnaty-Chargen; zugleich bewerten Pfizer und die Behörden die Restmengen als innerhalb der Grenzwerte beziehungsweise nicht als nachgewiesenes Sicherheitsrisiko. (European Medicines Agency (EMA)) Die kanadische Parlamentsantwort bestätigt wiederum, dass Health Canada Pfizer bereits 2023 dazu befragte. (House of Commons of Canada)