Die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Unterhaltungsindustrie könnten erheblich größer werden, als bislang angenommen. Es geht längst nicht mehr nur darum, Stimmen zu übersetzen, Untertitel automatisch zu erzeugen oder Schauspielern digital andere Lippenbewegungen zu geben.
China arbeitet bereits an der vollständigen Lokalisierung von Filmen und Mini-Serien durch KI.
Ein Beispiel dafür ist Seko, eine KI-Plattform des chinesischen Computer-Vision-Unternehmens SenseTime (商汤, Shāngtāng). Anfang September wurde die Plattform um eine Funktion namens 出海转绘 („Overseas Re-Rendering“) erweitert.
Das Prinzip könnte die internationale Filmproduktion grundlegend verändern: Statt einen chinesischen Film lediglich ins Deutsche, Englische oder Spanische zu übersetzen, kann die KI die komplette Produktion für einen anderen Markt neu erzeugen.
Gleicher Film – aber plötzlich mit deutschen Schauspielern
Eine bereits fertige Folge wird zunächst hochgeladen. Die KI analysiert anschließend Szene für Szene: Bildausschnitt, Kamerabewegungen, Figuren, Requisiten, Ton und weitere Elemente.
Danach werden Zielmarkt und Sprache ausgewählt.
Die Software erzeugt daraufhin eine neue Version mit lokal wirkenden Darstellern, angepassten Schauplätzen, Requisiten und sogar neu erzeugten Schildern und Texten im Bild. Komposition und Rhythmus des Originals bleiben dabei erhalten.
Unterstützt werden dem Bericht zufolge unter anderem Englisch, Spanisch, Japanisch, Koreanisch, Thai, Indonesisch, Vietnamesisch, Portugiesisch, Französisch und Deutsch.
Damit geht es um wesentlich mehr als Synchronisation.
Ein chinesisches Drama könnte für Deutschland so neu gerendert werden, dass es aussieht, als wäre es mit deutschen Schauspielern für ein deutsches Publikum produziert worden. Für Thailand entsteht eine thailändische Version, für Japan eine japanische – aus derselben ursprünglichen Produktion.
Netflix-Prinzip auf Steroiden
Man stelle sich vor, Netflix könnte eine fertig produzierte Serie per Knopfdruck für jedes Land der Erde neu drehen. Die Geschichte bleibt gleich. Kameraeinstellungen und Schnitt bleiben gleich. Doch Schauspieler, Sprache, Umgebung, Gegenstände und Texte werden an den jeweiligen Markt angepasst.
Was früher mehrere Filmteams, Schauspieler, Synchronstudios und enorme Produktionsbudgets verlangt hätte, könnte damit weitgehend automatisiert werden.
Und genau darin liegt die Sprengkraft dieser Technologie.
Die Kosten für eine internationale Version könnten drastisch sinken. Statt eine chinesische Produktion mühsam für ausländische Zuschauer aufzubereiten, könnte sie nahezu unmittelbar so erscheinen, als wäre sie für deren eigenen Kulturraum produziert worden.
Chinas Mini-Serien könnten plötzlich überall sein
Besonders bedeutend wird diese Entwicklung durch den gewaltigen chinesischen Markt für sogenannte Mini-Dramen oder Micro-Dramas. Dabei handelt es sich um extrem kurze Serienfolgen, die speziell für Smartphones und soziale Netzwerke produziert werden. China verfügt bereits über eine industrielle Produktionsstruktur, die solche Inhalte in enormer Geschwindigkeit hervorbringen kann.
Bislang bildet die kulturelle und sprachliche Distanz eine natürliche Barriere für die internationale Verbreitung.
KI könnte genau diese Barriere beseitigen.
Eine erfolgreiche chinesische Mini-Serie müsste nicht mehr wie eine chinesische Produktion aussehen. Dieselbe Geschichte könnte gleichzeitig in Dutzenden Ländern erscheinen – jeweils mit Gesichtern, Sprache und Kulissen, die dem jeweiligen Publikum vertraut erscheinen.
Der Zuschauer könnte eine chinesische Produktion konsumieren, ohne auf den ersten Blick überhaupt zu erkennen, dass das Original aus China stammt.
Die Dimension ist bereits enorm: Nach Angaben der chinesischen Medienaufsicht NRTA gingen allein in den ersten acht Monaten 2026 rund 430.000 Mikro-Dramen online, mehr als 90 Prozent davon unter Einsatz von KI produziert. Rund 800 Millionen Menschen schauen dieses Format. KI senkt zugleich die Produktionskosten drastisch: Eine Filmminute soll teilweise nur rund 140 Dollar kosten. Mit „Hou Xiyou Ji“ lief inzwischen sogar eine 30-teilige, vollständig KI-generierte Serie ohne menschliche Schauspieler im chinesischen Fernsehen und erreichte in fünf Tagen 150 Millionen Aufrufe. China baut damit eine Unterhaltungsindustrie auf, die Inhalte extrem billig produzieren und anschließend für internationale Märkte lokalisieren kann.
Eine neue Form kultureller Globalisierung
Damit verändert sich nicht nur die Filmproduktion, sondern möglicherweise auch der globale Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Bisher mussten Hollywood, Netflix, europäische Studios oder koreanische Produzenten erhebliche Summen investieren, um Inhalte international zu vermarkten und kulturell anzupassen.
Wenn KI diese Lokalisierung nahezu automatisiert, bekommt plötzlich derjenige einen gewaltigen Vorteil, der möglichst schnell möglichst viele Geschichten produzieren kann.
China besitzt dafür bereits einen riesigen Heimatmarkt, Produktionskapazitäten und eine schnell wachsende KI-Industrie.
Seko könnte deshalb nur ein Vorgeschmack sein.
Denn sobald solche Systeme zuverlässig funktionieren, gibt es kaum noch einen technischen Grund, warum eine Produktion nur in einer Sprache und mit einer Besetzung existieren sollte.
Die Lawine könnte gerade erst beginnen
Die Konsequenzen könnten enorm sein.
Statt einiger chinesischer Serien, die erfolgreich ins Ausland exportiert werden, könnten künftig Tausende oder sogar noch mehr automatisch lokalisierte Produktionen gleichzeitig auf internationale Plattformen und soziale Netzwerke drängen.
Und jede könnte aussehen, als wäre sie direkt für den jeweiligen Markt produziert worden.
Das verändert nicht nur Synchronisation und Filmproduktion. Es verändert die Vorstellung davon, was überhaupt noch ein „ausländischer Film“ ist.
Die nächste globale Medienwelle könnte deshalb völlig anders aussehen als alles zuvor: Inhalte werden in China produziert, von KI kulturell umgebaut und anschließend weltweit ausgespielt – so lokal, dass der Zuschauer ihre Herkunft möglicherweise gar nicht mehr bemerkt.
