Wenn Regierungen über Medikamentenpreise, Patente, Zulassungen oder Gesundheitsprogramme entscheiden, stehen Milliarden auf dem Spiel. Die Pharmaindustrie überlässt diese Entscheidungen deshalb nicht dem Zufall: In Washington erreichten ihre Lobby-Ausgaben 2025 einen neuen Rekord – und auch in Brüssel investieren Pharmakonzerne und ihre Verbände Millionen, um Zugang zu den politischen Entscheidungszentren zu erhalten.
Allein die Pharma- und Gesundheitsprodukteindustrie in den USA gab 2025 laut einer Auswertung von OpenSecrets 456,9 Millionen Dollar für Lobbyarbeit aus – 16,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Der gesamte US-Gesundheitssektor kam sogar auf rund 868 Millionen Dollar.
Neun der 13 Pharmaunternehmen aus der Fortune-500-Liste meldeten demnach ihre höchsten Lobby-Ausgaben seit mindestens zehn Jahren.
Und 2026 geht die Offensive weiter.
Fast eine halbe Milliarde Dollar für Washington
Allein der mächtige Branchenverband Pharmaceutical Research and Manufacturers of America (PhRMA) gab 2025 knapp 38 Millionen Dollar für Lobbyarbeit aus.
Dahinter stehen handfeste wirtschaftliche Interessen: Arzneimittelpreise, Patentrechte, staatliche Gesundheitsprogramme, Regulierung und die Bedingungen, unter denen Medikamente entwickelt und vermarktet werden können.
Bereits 2026 wurden laut dem Bericht wieder 245,7 Millionen Dollar an Lobby-Ausgaben der Pharmaindustrie gemeldet. Eli Lilly liegt bei mehr als sieben Millionen Dollar, Pfizer bei 6,62 Millionen und Merck bei 6,58 Millionen Dollar.
Lobbying ist legal. Die Zahlen beweisen deshalb nicht, dass einzelne Gesetze, FDA-Entscheidungen oder Politiker „gekauft“ wurden.
Sie zeigen aber, wie viel Geld der Branche der politische Zugang wert ist.
Die Drehtür zwischen Politik und Pharma
Wie eng Politik und Industrie miteinander verflochten sein können, zeigt die Personalie Eric Cantor.
Der ehemalige republikanische Mehrheitsführer im US-Repräsentantenhaus wurde zum Präsidenten und CEO von PhRMA ernannt. Ein ehemaliger Spitzenpolitiker steht damit an der Spitze eines der mächtigsten Interessenverbände der Pharmaindustrie.
PhRMA hatte 2024 dem Bericht zufolge nur rund 30 Mitglieder, nahm aber mehr als 520 Millionen Dollar ein und beschäftigte laut Washington Post mehr als 40 externe Lobbyfirmen.
Es ist das klassische Washingtoner Drehtürprinzip: Politiker kennen die Institutionen, Entscheidungsträger und politischen Abläufe – und dieses Wissen ist für Branchen mit Milliardeninteressen entsprechend wertvoll.
Auch in Brüssel sitzen die Pharmalobbyisten mit am Tisch
In der Europäischen Union sind die Summen niedriger, doch auch hier verfügt die Pharmaindustrie über beträchtliche Lobbybudgets.
Die Zahlen lassen sich allerdings nicht direkt mit den USA vergleichen. Die EU arbeitet mit einem Transparenzregister, in dem Lobbyakteure ihre Ausgaben innerhalb bestimmter Bandbreiten angeben. Zudem weisen LobbyControl und Corporate Europe Observatory darauf hin, dass Lücken und unzureichende Angaben dazu führen können, dass die tatsächlichen Lobbykosten höher liegen.
Der europäische Pharmaverband EFPIA gehörte bereits im EU-Lobbyreport 2024 mit rund 5,5 Millionen Euro jährlich zu den großen Lobbyakteuren in Brüssel.
Auch einzelne Pharmakonzerne geben Millionen aus. Bayer – dessen Geschäft allerdings weit über Pharma hinausgeht – wurde im selben Bericht mit rund sieben Millionen Euro EU-Lobbybudget aufgeführt.
Damit geht es nicht nur um Geld, sondern vor allem um Zugang: Gespräche mit EU-Kommissaren, Abgeordneten und Beamten, Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben sowie die Mitarbeit an politischen und regulatorischen Debatten.
382 Millionen Euro für die großen Unternehmenslobbys
Das Gesamtbild in Brüssel ist noch größer.
Eine Analyse von LobbyControl und Corporate Europe Observatory vom Juni 2026 kommt zu dem Ergebnis, dass allein 173 Unternehmen und Wirtschaftsverbände mit mindestens einer Million Euro jährlichem Lobbybudget zusammen mehr als 382 Millionen Euro pro Jahr für Lobbyarbeit gegenüber den EU-Institutionen ausgeben.
Das sind rund 28 Millionen Euro mehr als im Vorjahr und fast 50 Prozent mehr als 2020.
Diese 382 Millionen Euro sind nicht ausschließlich Pharma-Ausgaben. Sie zeigen jedoch das Umfeld, in dem auch Big Pharma in Brüssel operiert: Unternehmen und Wirtschaftsverbände investieren immer größere Summen, um ihre Interessen gegenüber den EU-Institutionen zu vertreten.
Es geht um Milliardenmärkte
Warum ist der politische Einfluss derart wertvoll? Weil eine einzige regulatorische Entscheidung Milliarden bewegen kann.
Wie lange darf ein Medikament durch Patente vor Konkurrenz geschützt werden? Wann können günstigere Generika auf den Markt kommen? Welche Daten müssen Unternehmen zur Sicherheit und Wirksamkeit veröffentlichen? Welche Medikamente werden von öffentlichen Gesundheitssystemen bezahlt? Welche Preise können Staaten aushandeln?
Wer bei solchen Entscheidungen frühzeitig Zugang zu den politischen Entscheidungsträgern besitzt, verfügt über einen erheblichen strategischen Vorteil.
Das bedeutet nicht automatisch, dass sich Politiker den Forderungen der Industrie anschließen. Lobbying ist Interessenvertretung – und wird auch von Gewerkschaften, Umweltorganisationen, Verbraucherverbänden und anderen Gruppen betrieben.
Doch die finanziellen Möglichkeiten sind höchst unterschiedlich.
Wer sitzt am Tisch, wenn über unsere Gesundheit entschieden wird
In den USA investierte die Pharma- und Gesundheitsprodukteindustrie innerhalb eines Jahres 456,9 Millionen Dollar in Lobbyarbeit. In Europa verfügen der Branchenverband und einzelne Konzerne ebenfalls über Millionenbudgets, während die großen Unternehmenslobbys insgesamt inzwischen mehr als 382 Millionen Euro jährlich für Einflussnahme auf EU-Ebene ausgeben.
Diese Summen beweisen keine Korruption.
Aber niemand gibt Jahr für Jahr Hunderte Millionen für politische Einflussnahme aus, weil politische Entscheidungen bedeutungslos wären.
Wenn dieselben Konzerne, deren Medikamente von Behörden zugelassen, von Gesundheitssystemen bezahlt und von Regierungen reguliert werden, gleichzeitig Millionen investieren, um genau diese politischen und regulatorischen Prozesse zu beeinflussen, ist Transparenz keine Nebensache.
Die entscheidende Frage ist, wie viel Einfluss eine Branche mit derart gewaltigen finanziellen Ressourcen auf jene Regeln ausüben kann, die eigentlich im Interesse der gesamten Bevölkerung gestaltet werden sollen.
*
Die US-Zahlen stammen aus der Auswertung von Children’s Health Defense; für die EU dokumentieren LobbyControl und Corporate Europe Observatory unter anderem die stark gestiegenen Unternehmens-Lobbybudgets. (lobbycontrol.de)
