16. Oktober 2026

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VORSICHT EXPERTE: „Sechs bis sieben Monate“: Ex-CIA-Analyst Johnson warnt vor direktem Krieg zwischen Russland und NATO-Staaten

Der ehemalige CIA-Analyst Larry Johnson hält eine direkte militärische Konfrontation zwischen Russland und mehreren europäischen NATO-Staaten inzwischen für ernsthaft möglich. In einem ausführlichen Gespräch mit dem ehemaligen US-Offizier Stanislav „Stas“ Krapivnik bezifferte Johnson die Wahrscheinlichkeit, dass Russland und europäische Staaten innerhalb der kommenden sechs bis sieben Monate direkt Feuer austauschen könnten, auf rund 70 Prozent.

Dabei gehe es seiner Einschätzung nach nicht um ganz Europa. Als besonders gefährdete beziehungsweise wahrscheinlich beteiligte Staaten nennt Johnson Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und Polen. Italien und Teile Südeuropas sieht er dagegen nicht zwangsläufig in einem solchen Krieg.

„Sie glauben tatsächlich, dass sie kämpfen können“

Ausgangspunkt des Gesprächs ist die zunehmend aggressive Rhetorik zwischen Russland und dem Westen. Johnson berichtet von Gesprächen mit mehreren ehemaligen und aktiven russischen Militärs. Besonders aufhorchen liess ihn nach eigenen Angaben eine Aussage, die er gemeinsam mit dem Journalisten Pepe Escobar bei einem Interview gehört habe: Auf russischer Seite rechne man inzwischen ernsthaft damit, irgendwann mit Europa Krieg führen zu müssen.

Dabei gehe es laut Johnson nicht darum, dass Russland Europa angreifen wolle. Vielmehr herrsche in Moskau die Auffassung, dass die politischen und militärischen Entwicklungen in Europa irgendwann keine andere Möglichkeit mehr lassen könnten.

Krapivnik berichtet seinerseits von ehemaligen sowjetischen und russischen Offizieren, die trotz Mobilisierung zunächst nicht zurück in den Dienst geholt worden seien. Ihnen sei gesagt worden, ihre Zeit sei „noch nicht gekommen“. Für ihn deutet dies darauf hin, dass Teile des russischen Verteidigungsapparats spätestens seit 2023 die Möglichkeit eines wesentlich grösseren Krieges einkalkulieren und erfahrene ältere Offiziere dafür zurückhalten könnten.

Johnson sieht gleichzeitig eine gefährliche Fehleinschätzung innerhalb der europäischen Führung. Auf die Frage, ob europäische Politiker tatsächlich mit einem Krieg rechnen oder lediglich bis an den Rand des Abgrunds gehen wollen, antwortet er:

„Ich denke, wir haben hier eine dieser verrückten Situationen, in denen die Führung tatsächlich glaubt, kämpfen zu können.“

Das entscheidende Problem werde dabei kaum beantwortet: Womit soll Europa einen langwierigen konventionellen Krieg gegen Russland führen?

Johnson: Europas Wirtschaftskraft allein entscheidet keinen Krieg

Nach Johnsons Einschätzung führt der häufige Vergleich des europäischen Bruttoinlandsprodukts mit dem russischen in die Irre. Europas Wirtschaftsleistung sei auf dem Papier zwar erheblich grösser. In einem Krieg seien jedoch Energieversorgung, Rohstoffe, industrielle Produktionskapazitäten und die Fähigkeit entscheidend, verbrauchte Waffen und Munition schnell zu ersetzen.

Russland verfüge über eigene Öl-, Gas- und Uranvorkommen, über Lebensmittel sowie über Rohstoffe zur Herstellung von Sprengstoffen und Artilleriemunition. Europa sei bei mehreren dieser entscheidenden Ressourcen dagegen auf Importe angewiesen.

Johnson verweist insbesondere auf die russische Munitionsproduktion. Im Gespräch wird behauptet, Russland könne inzwischen innerhalb von drei Monaten mehr Artilleriegranaten herstellen als die USA und die NATO zusammen innerhalb eines Jahres.

Unabhängig von der exakten Zahl steht für Johnson deshalb ein grundsätzliches Problem im Zentrum: In einem grossen konventionellen Krieg entscheidet nicht allein, wie viele Waffensysteme zu Beginn vorhanden sind. Entscheidend ist, wie schnell zerstörte Systeme ersetzt und verbrauchte Munition nachproduziert werden können. Genau hier sieht er Russland gegenüber Europa im Vorteil.

Als Beispiel führt das Gespräch die russische Artillerieproduktion an. Diese habe zu Beginn des Ukraine-Krieges 2022 bei rund 450.000 Granaten jährlich gelegen und sei später auf etwa 4,2 bis 4,5 Millionen Granaten pro Jahr hochgefahren worden. Hinzu kämen Lieferungen aus Nordkorea. Johnson und Krapivnik stellen dies den Schwierigkeiten westlicher Staaten gegenüber, ihre eigene Munitionsproduktion entsprechend schnell auszuweiten.

Ukraine-Krieg könnte in seine entscheidende Phase eintreten

Beide Gesprächspartner erwarten keinen plötzlichen Zusammenbruch der ukrainischen Front. Stattdessen rechnen sie mit einem schrittweisen Prozess: einzelne Frontabschnitte könnten nachgeben, während Russland seinen militärischen Druck kontinuierlich erhöht.

Krapivnik bezeichnet ukrainische Gegenoffensiven als weitgehend politisch motiviert und argumentiert, Kiew habe dafür strategische Reserven eingesetzt. Insgesamt entwickle sich die militärische Lage entlang der Front zunehmend zu Ungunsten der Ukraine.

Johnson geht noch weiter und spricht davon, dass der Krieg möglicherweise bereits in seine Endphase eingetreten sei. Gerade diese Phase könne jedoch besonders gefährlich werden. Historisch gesehen steige die Zahl der Opfer häufig noch einmal stark an, wenn ein Krieg seinem Ende entgegengeht.

Hinzu kommt nach Darstellung des Gesprächs ein wachsendes Misstrauen Moskaus gegenüber neuen Waffenstillstandsvereinbarungen.

Johnson berichtet von Informationen über den Gipfel zwischen Donald Trump und Wladimir Putin in Anchorage. Demnach soll Putin bereit gewesen sein, die Frontlinie in Saporischschja und Cherson weitgehend einzufrieren. Die USA hätten die daraus resultierenden Vereinbarungen jedoch nicht umgesetzt. Johnson folgert daraus, dass die Möglichkeit eines vergleichbaren Deals inzwischen praktisch vom Tisch sei.

Krapivnik sagt, viele russische Soldaten hätten gerade einen politischen Kompromiss gefürchtet. Aus ihrer Sicht solle der Konflikt inzwischen auf dem Schlachtfeld entschieden werden.

Energie könnte Europas Achillesferse werden

Ein weiterer entscheidender Faktor ist für Johnson die Energieversorgung.

Während Russland über eigene Öl- und Gasvorkommen verfügt, ist Europa in erheblichem Umfang auf externe Lieferungen angewiesen. Ein grosser Krieg würde diese Abhängigkeit unmittelbar zu einem strategischen Problem machen.

Im Gespräch wird deshalb auch die Möglichkeit eines US-Exportverbots für Diesel angesprochen. Johnson hält einen solchen Schritt zwar nicht für wahrscheinlich, weist aber darauf hin, dass insbesondere Grossbritannien sowie weitere US-Partner davon erheblich getroffen würden.

Damit verbindet sich die militärische mit der wirtschaftlichen Frage: Europa müsste in einem Krieg nicht nur Soldaten, Waffen und Munition bereitstellen, sondern gleichzeitig seine Industrie, Logistik und Energieversorgung unter extremen Bedingungen aufrechterhalten.

Gefahr einer nuklearen Eskalation

Noch gefährlicher wird Johnsons Szenario durch die nukleare Dimension.

Im Gespräch wird spekuliert, dass ein amerikanischer Nuklearschlag gegen Iran eine massive internationale Reaktion auslösen könnte. Johnson hält es in einem solchen Fall für denkbar, dass Russland seine Haltung gegenüber NATO-Anlagen in Europa verschärfen würde.

Besonders erwähnt werden dabei die Aegis-Ashore-Systeme in Polen und Rumänien. Johnson argumentiert, Moskau könnte solche Einrichtungen im Falle einer drastischen Eskalation als unmittelbare Bedrohung betrachten und zu dem Schluss kommen, sie ausschalten zu müssen.

Zugleich könnte der erstmalige Einsatz einer Atomwaffe in einem aktuellen Konflikt nach Johnsons Einschätzung weitere Staaten dazu bewegen, eigene Nuklearwaffen anzustreben. Im Gespräch werden unter anderem die Türkei, Saudi-Arabien, Brasilien und Mexiko genannt. Die Logik dahinter: Staaten könnten aus dem unterschiedlichen Umgang Washingtons mit Iran und dem atomar bewaffneten Nordkorea den Schluss ziehen, dass nur eine eigene nukleare Abschreckung zuverlässig vor einem Angriff schützt.

Johnson: Europa hat den Krieg nicht zu Ende gedacht

Am Ende läuft Johnsons Warnung auf einen zentralen Punkt hinaus: Er bezweifelt nicht, dass Europa über enorme wirtschaftliche Ressourcen verfügt. Er bezweifelt vielmehr, dass die politischen Führungen verstanden haben, was ein direkter Krieg mit Russland praktisch bedeuten würde.

Auf die Frage, wie europäische Entscheidungsträger sich einen solchen Krieg überhaupt vorstellen, antwortet Johnson knapp:

„Sie haben es nicht zu Ende gedacht.“

Stattdessen werde mit makroökonomischen Zahlen argumentiert: Europas gesamte Wirtschaftsleistung sei wesentlich grösser als die russische. Dabei werde jedoch übersehen, dass Russland nach Johnsons Darstellung über eine kriegserprobte Rüstungsindustrie sowie eigene Energie- und Rohstoffressourcen verfüge.

Seine Prognose ist deshalb aussergewöhnlich düster: Mit einer von ihm geschätzten Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent könnten Russland und Teile Europas bereits innerhalb der kommenden sechs bis sieben Monate direkt militärisch aufeinander schiessen.

Das ist keine bestätigte Geheimdienstprognose und auch keine offizielle Einschätzung Moskaus oder einer europäischen Regierung. Es ist Johnsons persönliche Analyse. Doch gerade die Tatsache, dass in militärischen und geopolitischen Kreisen inzwischen offen über einen solchen Zeitrahmen gesprochen wird, zeigt, wie weit sich die Debatte bereits verschoben hat: Weg von der Frage, ob der Ukraine-Krieg weiter eskalieren könnte – hin zur Frage, ob aus dem Stellvertreterkrieg ein direkter Krieg zwischen Russland und europäischen NATO-Staaten werden könnte.

 

„Sechs bis sieben Monate“: Ex-CIA-Analyst Johnson warnt vor direktem Krieg zwischen Russland und NATO-Staaten