Die militärische Lage rund um Iran spitzt sich nach Einschätzung des ehemaligen britischen Diplomaten und Geheimdienstoffiziers Alastair Crooke gefährlich zu. Angesichts zusätzlicher US-Truppen, weiterer Luftabwehrsysteme und amerikanischer Flugzeugträger in der Region spricht Crooke inzwischen offen von einer „Vorkriegssituation“. Er hält einen wesentlich grösseren Krieg mit Iran mittlerweile für wahrscheinlich.
Crooke ist kein unbekannter Beobachter des Nahen Ostens. Er war britischer Geheimdienstoffizier beim MI6, arbeitete als Sicherheits- und Nahostberater für den damaligen EU-Aussenbeauftragten Javier Solana und war an Vermittlungen zwischen Israel und palästinensischen Gruppen beteiligt. Heute leitet er den von ihm gegründeten Thinktank Conflicts Forum.
Bis zu 10.000 zusätzliche US-Kräfte
Ausgangspunkt des Gesprächs ist die zunehmende amerikanische Militärpräsenz. Im Transkript ist von einer Flugzeugträgergruppe und 9.000 bis 10.000 zusätzlichen US-Soldaten und Angehörigen des Militärs die Rede, darunter rund 2.000 Marines. Gleichzeitig würden weitere Patriot-Luftabwehrsysteme zum Schutz amerikanischer Partner in der Golfregion verlegt.
Nach Crookes Einschätzung handelt es sich nicht mehr lediglich um militärische Drohgebärden. Während er sich bislang davor gehütet habe, einen neuen Krieg als unvermeidlich zu bezeichnen, habe sich seine Einschätzung verändert:
„Ich denke, wir befinden uns jetzt in einer Vorkriegssituation.“
Er rechne inzwischen mit einem erheblich grösseren Krieg mit Iran. Gleichzeitig verschärften sich auch die Spannungen zwischen Russland und Europa rapide.
Crooke: Iran wird nicht warten, bis die USA vollständig bereit sind
Entscheidend ist für Crooke die Frage, wie Teheran auf den amerikanischen Aufmarsch reagieren wird.
Seiner Einschätzung nach werde Iran kaum tatenlos zusehen, bis Washington seine Streitkräfte vollständig positioniert und maximale Einsatzbereitschaft erreicht habe. Die iranische Führung sei nicht bereit, einfach abzuwarten, „was Trump auf sie werfen“ werde.
Crooke vermutet vielmehr, dass Iran noch militärische Fähigkeiten zurückhält. Nach seiner Darstellung habe Teheran seine Raketenbestände während des Konflikts weiter aufgefüllt und verfüge inzwischen möglicherweise sogar über mehr Raketen als zu Beginn des Krieges. Hinzu kämen neue Raketentypen und zusätzliche Luftabwehrsysteme.
Crooke betont allerdings, dass dies seine Einschätzung ist und er über keine internen Informationen über konkrete iranische Operationspläne verfügt.
Flugzeugträger als mögliches Ziel
Besonders brisant ist die Diskussion über amerikanische Flugzeugträger.
Crooke hält es für möglich, dass iranische Drohungen gegen einen US-Träger nicht nur Rhetorik darstellen, sondern Teil einer Abschreckungsstrategie sind. Ein amerikanischer Flugzeugträger hat mehrere Tausend Besatzungsmitglieder an Bord. Ein erfolgreicher Angriff wäre deshalb nicht nur militärisch, sondern auch politisch ein Ereignis von enormer Tragweite.
Nach Crookes Darstellung sollen amerikanische Flugzeugträger deshalb bereits weiter von Iran entfernt operieren – in einer Entfernung von ungefähr 1.000 Kilometern. Dadurch werde ihr Einsatz erheblich komplizierter.
Kampfflugzeuge müssten bei Angriffen auf Iran möglicherweise sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückflug betankt werden. Damit würden wiederum die grossen und vergleichsweise verwundbaren Tankflugzeuge zu möglichen Zielen. Crooke bezeichnet die gesamte Logistik eines länger andauernden Luftkrieges aus dieser Entfernung als ausgesprochen anspruchsvoll.
Dabei müsse ein Flugzeugträger nach Crookes Argumentation nicht einmal versenkt werden. Bereits schwere Schäden am Flugdeck könnten seinen militärischen Nutzen erheblich reduzieren.
Er glaubt deshalb, dass Iran über Anti-Schiffs-Waffen verfügen könnte, mit denen amerikanische Träger auch aus grösserer Entfernung bedroht werden können. Auch hier handelt es sich ausdrücklich um Crookes militärische Einschätzung und nicht um eine im Gespräch belegte Einsatzentscheidung Teherans.
„Sie sind vollständig für diesen Krieg mobilisiert“
Crooke geht davon aus, dass Teheran einen erneuten grossen Angriff inzwischen fest einkalkuliert.
„Sie sind vollständig für diesen Krieg mobilisiert. Sie erwarten ihn.“
Als weiteres Indiz verweist er auf iranische Mobilisierungsmassnahmen. Nach seiner Darstellung habe Iran die Aufstellung von bis zu einer Million zusätzlichen Kräften beziehungsweise Freiwilligen angekündigt.
Für Crooke wirft dies eine entscheidende Frage auf: Wenn die zusätzlichen amerikanischen Kräfte lediglich einige Tausend oder selbst 10.000 Soldaten umfassen – wofür bereitet Iran dann eine Mobilisierung dieser Grössenordnung vor?
Seine Antwort bleibt bewusst offen: „Was kommt? Was kommt als Nächstes? Wer weiss?“
Crooke sieht kaum einen einfachen amerikanischen Weg zum Sieg
Das grundlegende Problem Washingtons besteht nach Crookes Analyse darin, dass ein militärischer Sieg gegen Iran wesentlich schwieriger zu erreichen wäre, als es die öffentliche Rhetorik vermuten lasse.
Die USA hätten bereits erhebliche Mengen weitreichender Waffen eingesetzt. Gleichzeitig müssten Luftverteidigung, Tankflugzeuge, Flugzeugträger und Nachschub über enorme Entfernungen koordiniert werden.
Selbst drei gleichzeitig eingesetzte Flugzeugträger würden dieses Problem nicht automatisch lösen. Ein dauerhafter 24-Stunden-Luftkrieg würde eine enorme Zahl von Tankflugzeugen, Treibstoff, Ersatzteilen und Versorgungsschiffen erfordern.
Crooke schliesst deshalb sogar nicht aus, dass Iran einen erneuten grossen militärischen Zusammenstoss überstehen oder militärisch zu seinen Gunsten wenden könnte.
Für Washington entstehe daraus ein strategisches Dilemma: Je mehr Kräfte in die Region gebracht werden, desto grösser wird zwar die amerikanische Schlagkraft – gleichzeitig wächst aber auch die Zahl hochwertiger Ziele, die Iran angreifen könnte.
Energiekrise als zweite Front
Parallel zur militärischen Eskalation sieht Crooke eine zweite Gefahr: die Energieversorgung.
Er widerspricht Darstellungen, wonach sich der Öl- und Treibstoffverkehr durch die Region bereits weitgehend normalisiert habe. Nach seiner Einschätzung ist insbesondere die Dieselversorgung strukturell angespannt.
Dabei gehe es nicht allein um den Ölpreis. Entscheidend seien die richtige Rohölsorte, geeignete Raffinerien, verfügbare Tanker und sichere Transportwege. Selbst genügend Rohöl auf dem Weltmarkt garantiere deshalb noch lange nicht genügend Diesel oder Kerosin am richtigen Ort.
Ein neuer grosser Krieg gegen Iran würde dieses Problem nach Crookes Analyse erheblich verschärfen. Tankerbesitzer müssten bereit sein, ihre Schiffe in gefährdete Gewässer zu schicken, während Raffinerien gleichzeitig auf bestimmte Rohölsorten angewiesen seien.
Das Ergebnis könnte insbesondere Europa hart treffen.
Crookes Warnung: Der nächste Krieg könnte anders verlaufen
Der Kern seiner Analyse ist deshalb weniger die Frage, ob die USA Iran militärisch treffen können. Dass sie dazu in der Lage sind, steht für Crooke ausser Frage.
Entscheidend sei vielmehr, was danach passiert.
Iran habe nach seiner Einschätzung noch nicht alle militärischen Möglichkeiten ausgespielt, bereite sich auf eine weitere Eskalation vor und werde möglicherweise nicht warten, bis die amerikanischen Vorbereitungen abgeschlossen sind.
Damit könnte ausgerechnet der massive US-Aufmarsch ein neues Risiko schaffen: Flugzeugträger, Tankflugzeuge, Stützpunkte und Versorgungseinrichtungen werden zu möglichen iranischen Zielen.
Crooke formuliert keine konkrete Vorhersage, dass Iran tatsächlich einen US-Flugzeugträger angreifen wird. Seine Einschätzung fällt dennoch deutlich aus: Er erwartet eine ernsthafte Eskalation und glaubt nicht, dass Teheran Washington den Zeitpunkt des nächsten Schlages überlassen wird.
Nach Jahren der Drohungen und begrenzten Konfrontationen sieht der ehemalige britische Geheimdienstoffizier damit eine neue Schwelle erreicht: Aus militärischer Abschreckung könnte ein direkter Grosskrieg werden – und diesmal könnten auch die wichtigsten amerikanischen Waffensysteme in der Region selbst unmittelbar ins Visier geraten.
