17. Oktober 2026

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Anthrax, Ebola, Covid: Immer wieder führen die Spuren zum US-Biosicherheitsapparat

 

Bioterrorismus wird der Öffentlichkeit gewöhnlich als Bedrohung durch feindliche Staaten oder Terrorgruppen präsentiert. Doch ausgerechnet der amerikanische Apparat, der vor solchen Gefahren schützen soll, hat selbst mit hochgefährlichen Erregern gearbeitet – und beim Anthrax-Terror von 2001 führte die offizielle FBI-Ermittlung sogar direkt in ein Labor des US-Militärs.

John Leake formuliert es in seinem aktuellen Beitrag für The Focal Points maximal zugespitzt: „Uncle Sam is a bioterrorist.“ Seine These: Nicht nur äußere Feinde hätten die Bevölkerung biologischen Gefahren ausgesetzt. Auch der amerikanische Biosecurity-Komplex aus Pentagon, Militärlaboren und Gesundheitsbehörden habe durch sogenannte Dual-Use-Forschung Risiken geschaffen, vor denen er anschließend selbst warne.

Der stärkste Beleg dafür liegt mehr als zwei Jahrzehnte zurück.

Nur wenige Tage nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden mit Anthrax-Sporen verseuchte Briefe an Medienvertreter und US-Senatoren verschickt. Fünf Menschen starben, mindestens 17 erkrankten. Das FBI bezeichnet die Anschläge bis heute als den schlimmsten biologischen Angriff in der Geschichte der USA.

Doch die jahrelange FBI-Ermittlung führte nicht zu Al-Qaida, Saddam Hussein oder einem feindlichen ausländischen Labor. Sie führte nach Fort Detrick, zum U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases – und schließlich zum Anthrax-Forscher Bruce Ivins. Das FBI und das US-Justizministerium kamen zu dem Schluss, dass Ivins hinter den Anschlägen stand und bereiteten eine Anklage vor. Ivins starb 2008, bevor es zu einem Prozess kommen konnte. Damit wurde die staatliche Darstellung nie vor Gericht geprüft; Teile der wissenschaftlichen Beweisführung wurden später zudem kontrovers diskutiert.

Damit ergibt sich ein bis heute verstörender Befund: Nach offizieller Darstellung der US-Behörden kam der schwerste Bioterroranschlag der amerikanischen Geschichte aus dem Umfeld der eigenen militärischen Bioabwehr.

Leake verweist zudem auf den politischen Kontext. Nur wenige Monate vor den Anschlägen war das umstrittene Anthrax-Impfprogramm des Militärs eingeschränkt worden. Nach den Anschlägen wurde es wieder ausgeweitet. Gleichzeitig verabschiedete der Kongress 2002 den Public Health Security and Bioterrorism Preparedness and Response Act, der die staatliche biologische Gefahrenabwehr und entsprechende Forschung massiv stärkte.

Das beweist nicht, dass die Anschläge staatlich organisiert wurden. Es zeigt aber eine bemerkenswerte Entwicklung: Ein biologischer Angriff, den die Ermittler einem Wissenschaftler aus dem eigenen Bioabwehrsystem zuschrieben, führte anschließend zu einer erheblichen Ausweitung genau dieses Systems.

Und Fort Detrick blieb ein Zentrum der Hochrisikoforschung.

Leake verweist auf spätere Ebola-Experimente und auf Forschungen, bei denen gefährliche Erreger unter kontrollierten Bedingungen über Aerosole untersucht wurden. Solche Arbeiten werden mit der Entwicklung von Gegenmaßnahmen, Impfstoffen und dem Verständnis biologischer Bedrohungen begründet. Genau darin sieht Leake jedoch das grundlegende Paradox: Um sich gegen biologische Gefahren zu schützen, erzeugt und untersucht der Sicherheitsapparat selbst Szenarien und Erreger, deren Freisetzung katastrophale Folgen haben könnte.

Hier muss allerdings zwischen belegten Experimenten und Leakes Interpretation unterschieden werden. Dass US-Institutionen mit gefährlichen Erregern und Dual-Use-Forschung arbeiten, ist dokumentiert. Daraus folgt nicht automatisch, dass solche Experimente als offensive Biowaffenprogramme durchgeführt wurden.

Noch weiter geht Leake bei SARS-CoV-2. Er zieht eine Linie von Anthrax über Ebola bis zur amerikanisch finanzierten Virusforschung vor der Pandemie und macht den US-Biosecurity-Apparat für die Entstehung von SARS-CoV-2 verantwortlich. Diesen letzten Schritt belegt sein Artikel jedoch nicht abschließend. Er präsentiert keine neuen Beweise, mit denen sich nachweisen ließe, dass die US-Regierung SARS-CoV-2 entwickelt oder freigesetzt hat, aber die Indizien sprechen bände.

Gerade deshalb ist der Anthrax-Fall so entscheidend. Hier braucht es keine Spekulation über geheime Programme: Die eigene offizielle Untersuchung der Vereinigten Staaten führte den tödlichen Bioterroranschlag in das amerikanische Militärlabor-System zurück.

Das wirft eine grundsätzliche Frage auf, die weit über 2001 hinausgeht: Was geschieht, wenn Institutionen, die vor biologischen Bedrohungen schützen sollen, gleichzeitig jene Erreger erforschen, verändern, aerosolisiert testen oder anderweitig technisch beherrschbar machen, vor denen sie die Bevölkerung schützen wollen?

Leakes provokante Antwort lautet: Irgendwann verschwimmt die Grenze zwischen Bioabwehr und der Schaffung neuer biologischer Risiken.

Die dokumentierte Geschichte von Fort Detrick und den Anthrax-Anschlägen zeigt zumindest, dass diese Frage nicht theoretisch ist. Der gefährliche Erreger kam damals nach Darstellung der amerikanischen Ermittler nicht aus einem feindlichen Staat.

Er führte zurück in den eigenen Biosicherheitsapparat.