Wie sah Rom aus, bevor Archäologen die Ruinen freilegten? Piranesis Stiche zeigen eine Stadt, die heute kaum noch vorstellbar ist: antike Bauwerke, die teilweise meterhoch im Boden versunken waren, überwachsene Substruktionen und Monumente, deren ursprüngliche Dimensionen erst durch spätere Ausgrabungen wieder sichtbar wurden.
Giovanni Battista Piranesi war kein gewöhnlicher Zeichner. Der im Jahr siebzehnhundertzwanzig geborene Künstler wurde als Architekt ausgebildet und betrachtete die Ruinen Roms mit dem Blick eines Baumeisters. Seine beinahe tausend Radierungen dokumentieren das Forum Romanum, das Kolosseum, den Palatin, die Via Appia, Aquädukte und zahlreiche andere Bauwerke in einem Zustand, den es heute nicht mehr gibt.
Besonders auffällig sind die Bodenniveaus. Auf vielen Darstellungen liegen antike Strukturen mehrere Meter unter der Oberfläche. Spätere Ausgrabungen bestätigten, dass Teile des Forum Romanum tatsächlich unter mächtigen Ablagerungen verborgen lagen. Doch wie entstand dieses zusätzliche Bodenniveau? Waren es Jahrhunderte aus Schutt, Überschwemmungen und natürlichen Ablagerungen – oder verlief die Geschichte an manchen Stellen komplizierter?
Auch Piranesis scheinbare Übertreibungen werfen Fragen auf. Manche Monumente wirken auf seinen Stichen gewaltiger, tiefer und monumentaler als heute. Gleichzeitig wissen wir, dass viele antike Bauwerke über Jahrhunderte als Steinbrüche genutzt wurden und Teile ihrer ursprünglichen Substanz verloren. Wo endet also die künstlerische Dramatisierung – und wo bewahrt Piranesi möglicherweise eine Realität, die heute nicht mehr sichtbar ist?
Besonders rätselhaft sind die „Carceri d’invenzione“: gigantische Gefängniswelten aus Bögen, Treppen, Maschinen, Ketten und gewaltigen Substruktionen. Piranesi bezeichnete sie selbst als Erfindungen. Doch ihre Architektur folgt einer erstaunlich konsequenten konstruktiven Logik. Sind sie reine Fantasie – oder verdichtete Erinnerungen an reale antike Räume und unterirdische Strukturen?
Diese Dokumentation folgt Piranesis Blick auf das antike Rom und vergleicht seine Darstellungen mit dem heutigen Zustand der Monumente. Es geht um versunkene Städte, verlorene Architektur, römische Ingenieurskunst und die Frage, wie viel der antiken Welt tatsächlich noch sichtbar ist.
Was sah Piranesi in den Ruinen Roms, das wir heute nicht mehr sehen können? Und wie viel von seiner scheinbaren Fantasie könnte auf Bauwerken beruht haben, die längst verschwunden oder wieder unter der Erde verborgen sind?
