Noch vor wenigen Monaten wies die US-Umweltbehörde EPA Berichte über bevorstehende Freisetzungen gentechnisch veränderter Mücken zurück. Nun schlägt die Trump-Regierung einen neuen Kurs ein: Die EPA soll einen regulatorischen Rahmen schaffen, der ausdrücklich genetische Modifikation, bakterienbasierte Verfahren und andere neue Technologien zur Bekämpfung von Mücken und Zecken umfasst. Washington D.C. soll dabei zum Testfeld werden.
Darauf macht der US-Journalist Jon Fleetwood in einer neuen Recherche aufmerksam.
Ausgangspunkt ist eine Anordnung von Präsident Donald Trump vom 29. September 2026. Ziel ist es, invasive Mückenpopulationen in Washington D.C. bis 2028 um mindestens 90 Prozent und Zeckenpopulationen um mindestens 50 Prozent zu reduzieren.
Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um klassische Insektizide.
Die Anordnung nennt unter anderem Sterilisationstechniken, genetische Modifikation und den Einsatz nützlicher Bakterien. Die EPA soll innerhalb von 60 Tagen einen regulatorischen Rahmen schaffen, um entsprechende Technologien entwickeln, prüfen und gegebenenfalls einsetzen zu können.
Fleetwood sieht darin einen bemerkenswerten Kurswechsel.
Denn noch im Mai hatte EPA-Chef Lee Zeldin Berichte zurückgewiesen, wonach die Behörde eine massenhafte Freisetzung gentechnisch veränderter Mücken genehmigt habe. Die EPA erklärte damals, eine frühere Versuchsgenehmigung für gentechnisch veränderte Aedes aegypti sei bereits 2024 ausgelaufen.
Nun schafft die Regierung selbst die Voraussetzungen für eine neue Generation solcher Verfahren.
Washington soll dabei offenbar erst der Anfang sein. Nach der Anordnung sollen erfolgreiche Methoden anschließend als Modell dienen, um die Bekämpfung invasiver Mücken und Zecken auch in anderen Teilen der Vereinigten Staaten auszuweiten.
Besonders kritisch sieht Fleetwood, dass die Anordnung bereits von „safe genetic modification“ – sicherer genetischer Modifikation – und „sicheren, nützlichen Bakterien“ spricht, obwohl noch gar nicht feststeht, welche konkreten Produkte, Organismen oder Bakterienstämme letztlich eingesetzt werden.
Gleichzeitig soll die Industrie ausdrücklich in die Entwicklung des regulatorischen Rahmens einbezogen werden.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Konstellation: Die Regierung setzt ehrgeizige Reduktionsziele, verlangt einen beschleunigten regulatorischen Rahmen und öffnet ausdrücklich die Tür für genetische und bakterienbasierte Technologien – während die konkreten Verfahren erst anschließend geprüft werden sollen.
Solche Technologien existieren bereits.
Bei Wolbachia-Verfahren werden beispielsweise männliche Mücken mit bestimmten Bakterien ausgestattet. Paaren sie sich anschließend mit wilden Weibchen, entstehen keine lebensfähigen Nachkommen. Andere Ansätze gehen weiter und verändern die Mücken selbst genetisch, um Populationen bestimmter Arten zurückzudrängen.
Fleetwood wirft dabei eine grundsätzliche Frage auf, die bei Umweltfreisetzungen kaum diskutiert wird: Was bedeutet individuelle Zustimmung, wenn sich ein biologischer Organismus nach seiner Freisetzung frei durch eine Stadt bewegt?
Ein Bewohner kann entscheiden, ob er ein Medikament einnimmt oder sich impfen lässt. Bei freigesetzten Mücken besteht diese individuelle Wahlmöglichkeit nicht in gleicher Weise. Rechtlich werden solche Umweltmaßnahmen allerdings nicht wie medizinische Eingriffe behandelt. Fleetwoods Forderung nach einer Form informierter Zustimmung ist deshalb zunächst seine politische und ethische Position – nicht eine bestehende rechtliche Voraussetzung.
Ebenso wichtig ist eine weitere Unterscheidung: Trump hat bislang keine konkrete landesweite Freisetzung gentechnisch veränderter Mücken angeordnet.
Angeordnet wurde vielmehr die Schaffung eines regulatorischen Rahmens, in dem genetische Modifikation, bakterienbasierte Verfahren und andere neue Technologien eingesetzt beziehungsweise beschleunigt geprüft werden können.
Doch genau darin liegt die Bedeutung der Entscheidung.
Aus einem Thema, das die EPA noch wenige Monate zuvor mit einem Dementi beantwortete, wird nun ausdrücklich ein Bestandteil der amerikanischen Strategie gegen invasive Mücken und Zecken.
Und Washington D.C. könnte zum Ausgangspunkt werden.
Was dort funktioniert, soll anschließend auf andere Teile der Vereinigten Staaten übertragen werden. Damit geht es längst nicht mehr nur um ein lokales Experiment – sondern um die mögliche Blaupause für einen wesentlich größeren Einsatz biologischer und genetischer Schädlingsbekämpfung in den USA.
