Während die Epstein-Affäre in den USA trotz der Veröffentlichung von Millionen Seiten an Ermittlungsakten bislang keine neuen Anklagen hervorgebracht hat, weiten europäische Behörden ihre Untersuchungen aus. Besonders Frankreich stößt dabei offenbar auf bislang unbekannte Spuren.
Die Pariser Staatsanwältin Laure Beccuau bestätigte am 10. September, dass die französischen Ermittler inzwischen 26 mögliche Opfer im Zusammenhang mit dem Netzwerk des verstorbenen Sexualstraftäters Jeffrey Epstein erfasst haben. 24 davon seien eindeutig identifiziert, acht müssten noch befragt werden. Besonders bemerkenswert: 13 der 26 Personen waren zuvor in keinem der einschlägigen französischen Verfahren aufgetaucht.
Doch es geht längst nicht mehr nur um mögliche Opfer. Nach Angaben Beccuaus verfügen die Ermittler inzwischen auch über weitere Namen von Personen, die als mögliche Anwerber oder Vermittler für das Netzwerk infrage kommen.
Die Staatsanwältin beschreibt das, was die Ermittler vor sich haben, als ein „labyrinthisches Netzwerk“. Es gebe nicht nur eine einzelne Spur, sondern Dutzende Verbindungen, denen nachgegangen werden müsse. Die Ermittlungen reichen nach ihren Angaben von Paris über Cannes und Saint-Tropez bis nach New York.
Der Mann, den Frankreich nicht mehr befragen konnte
Eine zentrale Figur der französischen Ermittlungen war der Modelscout Daniel Siad. Er stand unter dem Verdacht, junge Frauen für Epstein und andere Männer vermittelt beziehungsweise angeworben zu haben. Sein Name taucht in den veröffentlichten Epstein-Unterlagen außergewöhnlich häufig auf.
Die französische Justiz hatte eine zeitnahe Vernehmung Siads vorgesehen. Dazu kam es jedoch nicht mehr: Im Juli 2026 wurde er tot in seinem Haus aufgefunden.
Sein Tod löste Kritik von mutmaßlichen Opfern und deren Anwälten aus. Sie werfen der französischen Justiz vor, entscheidende Spuren jahrelang nicht energisch genug verfolgt zu haben. Eine ehemalige Model-Anwärterin sowie die Kinderschutzorganisation Innocence en Danger gingen deshalb wegen angeblicher schwerer Versäumnisse gegen den französischen Staat vor.
Die Pariser Staatsanwaltschaft weist den Vorwurf zurück, untätig gewesen zu sein. Siad sei vor seinem Tod mit besonderen Ermittlungsmaßnahmen überwacht worden, darunter Telefonüberwachung. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten sich daraus jedoch bis dahin keine Erkenntnisse ergeben, die eine sofortige Festnahme gerechtfertigt hätten.
Der Tod Siads bedeutet für die Ermittler dennoch, dass eine möglicherweise wichtige Quelle nicht mehr befragt werden kann. Gleichzeitig erklärte Beccuau nun, dass weitere mutmaßliche Vermittler identifiziert worden seien.
Europas Ermittler stoßen in Washington auf eine Mauer
Noch brisanter wird die Affäre durch die internationalen Ermittlungen.
Polen, Norwegen, Lettland und Großbritannien verfolgen eigene Spuren aus den veröffentlichten Epstein-Akten. Nach Recherchen der Washington Post berichten europäische Strafverfolgungsbehörden jedoch, dass das US-Justizministerium auf Rechtshilfeersuchen beziehungsweise Anfragen nach Beweismitteln bislang nicht oder nicht abschließend reagiert habe.
Polen beantragte beispielsweise Zugang zu ungeschwärzten Unterlagen mit Bezug zu möglichen polnischen Verbindungen des Epstein-Netzwerks. Nach Angaben der polnischen Staatsanwaltschaft blieb das im April gestellte Rechtshilfeersuchen bislang unbeantwortet.
Auch norwegische Ermittler warten auf Informationen aus den USA. Großbritannien wiederum hat Zugang zu ungeschwärzten Epstein-Dokumenten beantragt.
Das US-Justizministerium weist allerdings den Eindruck zurück, Ermittlungen anderer Staaten bewusst zu blockieren. Gegenüber britischen Medien erklärte das Ministerium, es habe keinem Staat die Zusammenarbeit bei Ermittlungen zu möglichen Straftaten im Zusammenhang mit Epstein verweigert und werde mit den zuständigen Behörden entsprechend dem US-Recht kooperieren.
Diese Unterscheidung ist wichtig: Dass Rechtshilfeersuchen bislang nicht erfüllt oder beantwortet wurden, beweist für sich genommen keine bewusste Vertuschung. Internationale Rechtshilfeverfahren können kompliziert sein und sich über Monate hinziehen.
Dennoch entsteht ein bemerkenswerter Gegensatz.
3,5 Millionen Seiten – aber keine neuen Anklagen
Das US-Justizministerium veröffentlichte im Januar 2026 nach eigenen Angaben insgesamt nahezu 3,5 Millionen Seiten Material zum Epstein-Komplex. Hinzu kamen mehr als 2.000 Videos und rund 180.000 Bilder.
Mehr als 500 Juristen und Prüfer sollen an der Sichtung der Unterlagen beteiligt gewesen sein.
Doch trotz dieser gewaltigen Datenmenge hat die Veröffentlichung der Epstein-Akten in den Vereinigten Staaten bislang zu keinen neuen Anklagen geführt.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jeder in den Akten genannte Mensch einer Straftat verdächtig ist. In den veröffentlichten Unterlagen finden sich Kontakte, Mitarbeiter, Bekannte, Geschäftsbeziehungen, Zeugenaussagen und teilweise auch ungeprüfte Hinweise. Das US-Justizministerium weist selbst darauf hin, dass sich unter dem veröffentlichten Material auch falsche oder unbelegte Einsendungen befinden können.
Gerade deshalb wären strafrechtliche Ermittlungen entscheidend: Sie müssten klären, welche Verbindungen lediglich gesellschaftlicher oder geschäftlicher Natur waren – und welche möglicherweise Teil eines Systems zur Anwerbung und sexuellen Ausbeutung junger Frauen und Minderjähriger waren.
Frankreich zieht nun an einem der vielen Fäden
Genau an diesem Punkt gewinnt die französische Untersuchung an Bedeutung. Wenn von 26 möglichen Opfern allein 13 bislang in keinem der bekannten französischen Verfahren aufgetaucht waren und gleichzeitig weitere mögliche Vermittler identifiziert werden, deutet dies zumindest darauf hin, dass die bisher bekannte Struktur des Epstein-Netzwerks möglicherweise unvollständig ist.
Wer rekrutierte die Frauen und Mädchen? Wer stellte Kontakte her? Wer organisierte Reisen und Unterkünfte? Wer wusste, was geschah? Und wer beteiligte sich möglicherweise selbst an Straftaten?
Frankreich versucht nun, zumindest einen Teil dieses Geflechts zu rekonstruieren.
Dass europäische Ermittler gleichzeitig erklären, für ihre Untersuchungen benötigte Informationen aus Washington bislang nicht erhalten zu haben, macht die Angelegenheit politisch zunehmend heikel.
Denn nach Millionen veröffentlichten Dokumentseiten kann Transparenz allein nicht mehr die einzige Messlatte sein.
Entscheidend wird sein, ob aus den Akten tatsächlich Ermittlungen gegen noch lebende mutmaßliche Täter und Helfer entstehen – und ob amerikanische Behörden ausländischen Ermittlern Zugang zu jenen Beweisen gewähren, die für solche Verfahren benötigt werden.
Der Epstein-Skandal könnte damit in eine neue Phase eintreten: Während die USA Millionen Seiten veröffentlicht haben, beginnen europäische Ermittler nun offenbar, einzelnen Namen und Verbindungen strafrechtlich nachzugehen. Frankreich zeigt dabei, dass das Ende der Aktenveröffentlichungen noch lange nicht das Ende der Affäre bedeuten muss.
Quellen
- Europa Press – Pariser Staatsanwaltschaft bestätigt 26 mögliche Opfer und weitere mutmaßliche Anwerber
- Le Parisien/AFP – Weitere mögliche Epstein-Vermittler identifiziert, 13 bislang unbekannte Fälle
- TF1 – Französische Ermittlungen zu 26 möglichen Opfern und weiteren Vermittlern
- Le Monde – Kritik an französischen Ermittlungen und der Fall Daniel Siad
- Washington Post – Europäische Ermittler warten auf Unterstützung des US-Justizministeriums
