Eine einfache Atemprobe, speziell trainierte Hunde und künstliche Intelligenz: Was zunächst nach einem ungewöhnlichen Forschungsprojekt klingt, könnte sich zu einem neuen Verfahren für die Krebsfrüherkennung entwickeln. Das indisch-amerikanische Unternehmen Dognosis arbeitet daran, den außergewöhnlichen Geruchssinn von Hunden mit Sensoren, Gehirnstrommessungen und maschinellem Lernen zu verbinden.
Die Idee: Nicht allein das sichtbare Verhalten des Hundes soll darüber entscheiden, ob eine Probe als krebsverdächtig eingestuft wird. Ein speziell angepasster Helm und ein Geschirr erfassen zusätzlich Gehirnaktivität, Atmung und Körpersprache. Algorithmen lernen anschließend, aus diesen Signalen herauszulesen, ob der Hund einen bestimmten Krankheitsgeruch erkannt hat.
Dognosis-Mitgründer Akash Kulgod beschreibt die Ausrüstung als eine Art „Iron-Man-Anzug für Hunde“. Hinter dem Projekt steht inzwischen eine 2026 im Journal of Clinical Oncology veröffentlichte Phase-II-Studie mit 1.502 Teilnehmern.
Krankheiten hinterlassen einen Geruch
Dass Hunde Krankheiten riechen können, wird seit Jahren wissenschaftlich untersucht. Veränderungen des menschlichen Stoffwechsels können das Muster sogenannter flüchtiger organischer Verbindungen verändern, die der Körper unter anderem über Atem, Haut und Körperflüssigkeiten abgibt.
Dabei geht es offenbar weniger um ein einzelnes „Krebsmolekül“ als um komplexe chemische Geruchssignaturen. Hunde verfügen über rund 300 Millionen Geruchsrezeptoren, Menschen dagegen über ungefähr fünf Millionen. Ihre biologische Fähigkeit lässt sich mit technischen Sensoren bislang nur schwer nachbilden.
Die Forschung beschränkt sich nicht auf Krebs. Studien untersuchen auch die Erkennung von Covid-19, Parkinson und weiteren Erkrankungen. Nach Angaben von Dognosis existieren inzwischen zahlreiche begutachtete Arbeiten zur medizinischen Geruchserkennung durch Hunde.
Zehn Minuten in eine Maske atmen
Der geplante Test ist denkbar einfach: Ein Patient atmet etwa zehn Minuten lang in eine Baumwollmaske. Diese wird anschließend luftdicht verpackt und an ein Labor geschickt, wo trainierte Hunde die Probe untersuchen.
Der Patient hat keinen Kontakt mit den Tieren. Das Ziel ist ein standardisiertes Screening-System, das sich auch über zentrale Labore organisieren ließe.
Ein auffälliges Ergebnis wäre dabei keine endgültige Krebsdiagnose. Es könnte vielmehr Anlass für weitere Untersuchungen wie Bildgebung, Endoskopie, Biopsie oder Labortests geben.
Die KI lernt, den einzelnen Hund zu verstehen
Bei klassischen Spürhunden wird häufig ein bestimmtes Anzeigeverhalten trainiert. Das Tier setzt sich beispielsweise vor eine positive Probe oder gibt ein anderes vereinbartes Signal.
Doch Hunde reagieren unterschiedlich. Wie Kulgod im Video erklärt, läuft ein Hund möglicherweise sofort zum Futterspender, weil er seine Belohnung erwartet. Ein anderer erstarrt, ein weiterer kratzt aufgeregt an der Probe.
Für Dognosis ist das nicht entscheidend. Der Hund muss nicht lernen, sich wie ein standardisiertes Messgerät zu verhalten – die Maschine soll lernen, den individuellen Hund zu verstehen.
Dafür entwickelte das Unternehmen das System „DogSense“. Ein nicht invasiver Helm und weitere Sensoren erfassen unter anderem EEG-Daten, Atmung und Verhalten. Die Software „DogOS“ verarbeitet diese Informationen mit Machine-Learning-Modellen.
So soll die KI lernen, welche biologischen Reaktionen bei einem bestimmten Hund mit der Wahrnehmung eines Krankheitsgeruchs zusammenhängen. Der Hund liefert die hochsensible Geruchserkennung, die Technik übersetzt seine Reaktion in auswertbare Daten.
Phase-II-Studie mit 1.502 Teilnehmern
Die 2026 veröffentlichte Untersuchung trägt den Titel „Canine Olfaction Combined With Bayesian Modeling for Multicancer Detection From Breath Samples: A Phase II Study in India“. Beteiligt waren mehrere indische Krankenhäuser, Dognosis und die britische Organisation Medical Detection Dogs.
Untersucht wurden 1.502 Teilnehmer aus sechs Krankenhäusern. Jede Atemprobe wurde unabhängig von mindestens drei trainierten Hunden bewertet. Anschließend führte ein statistisches Bayes-Modell die Ergebnisse zusammen und berücksichtigte dabei unter anderem die bisherige Leistung der einzelnen Hunde.
Die Resultate waren bemerkenswert: 90,8 Prozent Sensitivität und 91,3 Prozent Spezifität. Vereinfacht bedeutet das, dass von 100 tatsächlich Erkrankten rund 91 erkannt wurden und von 100 Personen ohne Krebs ebenfalls ungefähr 91 korrekt als negativ eingestuft wurden. Die AUC, ein Maß für die Unterscheidungsfähigkeit des Tests, lag bei 0,962.
Nach Angaben der Forscher funktionierte das Verfahren über sieben größere Krebsgruppen hinweg und umfasste mehr als 20 einzelne Krebsarten. Besonders wichtig ist, dass die Leistungsfähigkeit auch bei frühen Krebsstadien hoch geblieben sein soll.
Gerade darin liegt das medizinische Potenzial: Viele Krebsarten lassen sich erfolgreicher behandeln, wenn sie früh entdeckt werden. Ein günstiger, nicht invasiver Test, der mehrere Krebsarten gleichzeitig erfassen könnte, wäre deshalb von erheblichem Nutzen.
Vom Spürhund zum medizinischen Messsystem
Dass Hunde Krebs riechen können, ist nur die eine Hälfte des Problems. Die andere lautet: Wie lässt sich daraus ein reproduzierbares medizinisches Verfahren machen?
Ein Krankenhaus kann keinen diagnostischen Standard darauf aufbauen, dass ein bestimmter Labrador heute kratzt und ein Beagle morgen fünf Sekunden länger vor einer Probe stehen bleibt. Medizinische Tests müssen standardisierbar, reproduzierbar und quantifizierbar sein.
Genau hier liegt die eigentliche Innovation von Dognosis. Das Unternehmen versucht nicht, eine künstliche Nase zu bauen, die besser riecht als ein Hund. Es nutzt die bereits vorhandene biologische Sensortechnik und ergänzt sie durch eine digitale Messplattform.
Der Hund liefert die Geruchserkennung – Sensoren und KI sollen daraus standardisierte diagnostische Informationen machen.
Vielversprechend, aber noch kein Ersatz für etablierte Diagnostik
So beeindruckend die Ergebnisse sind, sie bedeuten nicht, dass Hunde und KI bereits Mammografie, Darmspiegelung, CT oder Biopsien ersetzen können.
Die veröffentlichte Untersuchung ist eine Phase-II-Studie. Sie zeigt, dass das Verfahren unter kontrollierten Bedingungen zwischen Krebs- und Kontrollproben unterscheiden kann. Die entscheidende nächste Frage lautet, ob es auch in einer echten Screening-Bevölkerung funktioniert und tatsächlich bessere gesundheitliche Ergebnisse ermöglicht.
Das ist ein erheblicher Unterschied. Bei einer Spezifität von rund 91 Prozent könnten in einer Bevölkerung mit niedriger Krebsrate zahlreiche Menschen ein auffälliges Ergebnis erhalten, obwohl sie keinen Krebs haben. Deshalb wäre das Verfahren zunächst allenfalls eine vorgelagerte Screening-Stufe, nicht aber ein diagnostischer Endpunkt.
Hinzu kommt, dass mehrere Autoren der Studie bei Dognosis beschäftigt sind beziehungsweise Unternehmensanteile besitzen und die Forschung vom Unternehmen finanziert wurde. Diese Interessenkonflikte sind offengelegt, unterstreichen aber die Bedeutung unabhängiger Bestätigungsstudien.
Der Schritt in die Praxis
Dognosis trainiert derzeit 15 Hunde und arbeitet mit medizinischen Einrichtungen in Indien zusammen. Nach aktuellen Medienberichten strebt das Unternehmen eine kommerzielle Einführung im Jahr 2027 an und steht bereits mit Regulierungsbehörden in verschiedenen Ländern in Kontakt.
Damit könnte aus einer jahrzehntelang eher kurios wirkenden wissenschaftlichen Beobachtung erstmals ein skalierbares diagnostisches System werden.
Die eigentliche Bedeutung dieser Entwicklung liegt möglicherweise in ihrem ungewöhnlichen Ansatz: Während Forscher immer kompliziertere technische Sensoren und Bluttests entwickeln, nutzt Dognosis eine biologische Fähigkeit, die bereits existiert.
Die künstliche Intelligenz soll die Hundenase nicht ersetzen. Sie soll lernen, sie zu lesen.
Direktquellen: Phase-II-Studie im Journal of Clinical Oncology · AFP-Reportage über Dognosis und die KI-Sensorik · Technische Beschreibung von DogSense und DogOS
