Verfasst von Natalia Katona via OilPrice.com
Iranisches Öl verschwindet vom Markt – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sein grösster Abnehmer wieder mehr davon benötigt. Chinas sich erholende Rohölnachfrage trifft auf den Ausfall eines Lieferanten, der seine unabhängigen Raffinerien während der Krise versorgt hat, und zwingt diese nun, um zunehmend teurere Alternativen zu konkurrieren. Die Folgen reichen weit über China hinaus: Jedes Barrel, das als Ersatz beschafft werden muss, verknappt das Angebot für andere Käufer, während für Teheran der Anreiz wächst, den Verkehr durch die Strasse von Hormus zu stören. Durch diese fliessen inzwischen wieder überraschend hohe 13 Millionen Barrel pro Tag – nur 5 Millionen weniger als vor der Krise –, während Irans eigenes Öl festsitzt.
Iranisches Rohöl ist seit Langem ein unterschätzter Bestandteil der globalen Ölbilanz. Nachdem die Regierung von Baschar al-Assad im Dezember 2024 gestürzt war und damit die politischen Beziehungen zerbrachen, die Irans Lieferungen nach Syrien ermöglicht hatten, wurde China zum einzigen Abnehmer iranischen Rohöls – 2025 erhielt das Land durchschnittlich 1,4 Millionen Barrel pro Tag. Der Ende Februar von den USA und Israel begonnene Krieg machte Iran für chinesische Käufer zunächst sogar noch wichtiger: Während Teheran andere Tanker daran hinderte, die Strasse von Hormus zu passieren, konnten die eigenen Ladungen ungehindert passieren, wodurch Chinas Importe iranischen Öls im April auf rund 1,76 Millionen Barrel pro Tag stiegen.
Dieser Wettbewerbsvorteil endete mit der am 13. April angekündigten US-Blockade. Beladene Tanker konnten den Golf nicht mehr verlassen, während leere Schiffe nicht mehr hineinfahren konnten. Die Verladungen auf Kharg Island, Irans wichtigstem Exportterminal, brachen von 1,8 Millionen Barrel pro Tag im März auf 260.000 Barrel pro Tag im Mai ein. Ein Memorandum vom 17. Juni, das iranischen Ölladungen für 60 Tage die Durchfahrt gestattete, brachte vorübergehende Erleichterung: Die Verladungen erholten sich im Juni auf 740.000 Barrel pro Tag und im Juli auf 890.000 Barrel pro Tag. Doch die Schonfrist lief im August aus, die Lieferungen brachen erneut auf 250.000 Barrel pro Tag ein, und im September wurden im Golf keinerlei iranische Verladungen beobachtet.
Der wichtigere Teil der Geschichte spielte sich jedoch ausserhalb der Meerenge ab. Iran hatte einen gewaltigen schwimmenden Ölvorrat angelegt, der es ermöglichte, die Lieferungen nach China fortzusetzen, selbst wenn keine neuen Ladungen den Golf verlassen konnten. Mitte April belief sich dieses Polster auf rund 160 Millionen Barrel, verteilt auf Gewässer rund um Süd-, Südost- und Ostasien. Dank dieser Vorräte importierte China im Mai noch immer 1,37 Millionen Barrel iranisches Öl pro Tag – lediglich 10 Prozent weniger als im Februar. Doch das Polster schrumpfte: Die schwimmenden Lagerbestände gingen bis Mitte Juni auf 106 Millionen Barrel zurück, bevor die vorübergehende Wiederöffnung sie bis Mitte Juli wieder auf 128 Millionen Barrel anwachsen liess.
Diese Wiederauffüllung der verfügbaren schwimmenden Lagerbestände ist inzwischen zum Stillstand gekommen. China erhielt im August noch 980.000 Barrel iranisches Rohöl pro Tag, im September jedoch nur noch 475.000 Barrel pro Tag, wobei seit dem 26. September keine Lieferungen mehr eintrafen. Alle zuletzt eingetroffenen Ladungen waren bereits im Juni verladen worden.
Iran verfügt noch immer über rund 86 Millionen Barrel Öl auf See – das niedrigste Volumen seit Januar 2025. Allerdings sitzen davon 23 Millionen Barrel – mehr als ein Viertel – innerhalb des Golfs fest. Die Gesamtmenge hat sich kaum verändert, seit die Lieferungen nach China in den vergangenen zwei Wochen nahezu vollständig zum Erliegen gekommen sind und die erkennbaren Verladungen auf Kharg Island vollständig eingestellt wurden. Da sich die Lager an Land allmählich füllen – Daten von Kpler zufolge sind die iranischen Lagertanks inzwischen zu 60 Prozent gefüllt und enthalten rund 70 Millionen Barrel –, wird Iran unausweichlich vor der Entscheidung stehen, seine Produktion zu drosseln. Während rund 2,2 Millionen Barrel Produktion pro Tag aufgrund der Nachfrage der eigenen Raffinerien relativ sicher sind, scheint Teherans Rohölproduktion von 3,2 Millionen Barrel pro Tag aus der Zeit vor dem Krieg nicht länger erreichbar zu sein.
Für Chinas sogenannte „Teapots“ – die kleineren unabhängigen Raffinerien, die sich vor allem in der Provinz Shandong konzentrieren – fällt damit ein Eckpfeiler ihrer Rohölversorgung weg. Diese Raffinerien stehen für rund ein Fünftel der chinesischen Rohölimporte und haben ihre Einkaufsstrategien auf vergünstigte, mit Sanktionen belegte Ölladungen aufgebaut, insbesondere aus Iran und Russland. Nun müssen sie weiter entfernt nach Öl suchen – im Nahen Osten, in Westafrika und Südamerika. Mitte September sollen zehn unabhängige chinesische Raffinerien Händler nach Singapur geschickt haben, um sich verfügbare Lieferungen aus den genannten Regionen zu sichern.
Die Verschiebung ist in den Häfen von Shandong sichtbar. Qingdao, das über Pipelines mit zwölf unabhängigen Raffinerien verbunden ist, bezog 2025 rund 40 Prozent seiner eingehenden Mengen von 690.000 Barrel pro Tag aus Iran. In den vergangenen Monaten hat der Hafen seine Käufe der brasilianischen Ölsorten Tupi und Buzios erhöht und im Juli sogar mit dem Import der guyanischen Sorte Golden Arrow begonnen, während weiterhin Lieferungen aus Saudi-Arabien und Russland eintreffen. Dennoch ist die eingeführte Menge in den vergangenen drei Monaten auf ein Rekordtief von rund 150.000 Barrel pro Tag gefallen.
In Dongying an Shandongs nördlicher Bohai-Küste, in dessen Umgebung sich 32 unabhängige Raffinerien befinden, lieferten Russland und Iran im vergangenen Jahr praktisch die gesamten 330.000 Barrel pro Tag – Russland rund zwei Drittel und Iran ein Drittel. Die iranischen Lieferungen begannen während der Sommermonate zurückzugehen; im August trafen lediglich zwei Ladungen ein und im September nur noch eine. Die gesamten Einfuhren sanken im September auf lediglich 220.000 Barrel pro Tag, da die unter Rohölmangel leidenden Raffinerien gezwungen waren, ihre Verarbeitungskapazitäten herunterzufahren.
Diesen Raffinerien bleibt damit weniger Öl, während die Alternativen teurer werden. Rohöl aus Guyana ist besonders kostspielig, wenn lange Transportwege mit einem beispiellosen Mangel an sehr grossen Rohöltankern und Rekordfrachtraten zusammentreffen. Um unabhängige Raffinerien dazu zu bewegen, ihre Verarbeitung wieder hochzufahren, vergab die chinesische Regierung Ende September zusätzliche Rohölimportquoten in Höhe von 28,05 Millionen Tonnen. Dadurch stieg die jährliche Zuteilung für nichtstaatliche Importe auf den Rekordwert von 257 Millionen Tonnen. Diese Quoten bestimmen, wie viel Rohöl Raffinerien importieren dürfen. Die Erhöhung verschafft ihnen somit zwar Spielraum für zusätzliche Käufe, trägt jedoch wenig dazu bei, tatsächlich mehr Öl verfügbar oder erschwinglicher zu machen.
Auch der Wettbewerb um russisches Öl verschärft sich. Chinesische Käufe haben den Berichten zufolge die Preisaufschläge für ESPO auf ein Allzeithoch von 28 Dollar pro Barrel gegenüber ICE Brent getrieben, während Urals ebenfalls mit einem Aufschlag von 7 bis 8 Dollar pro Barrel gegenüber derselben Benchmark gehandelt wird. Die unabhängigen Raffinerien müssen zudem mit staatlichen Käufern konkurrieren, die derzeit rund die Hälfte der chinesischen Rohölimporte auf dem Seeweg ausmachen, verglichen mit 45 Prozent im Februar.
Chinas Erholung befindet sich noch in einem frühen Stadium. Die Rohölimporte auf dem Seeweg stiegen von 7,24 Millionen Barrel pro Tag im August auf 7,5 Millionen Barrel pro Tag im September, liegen damit jedoch weiterhin deutlich unter den 11,5 Millionen Barrel pro Tag vom Februar. Zwischen April und Juli waren die Importe auf ungefähr die Hälfte dieses Vorkrisenniveaus gefallen, gedrückt durch das von Peking verhängte Exportverbot für Raffinerieprodukte, eine geringere Raffinerieauslastung und eine schrittweise stärkere Nutzung der strategischen Erdölreserven. Chinas strategische Reserven – sowohl die staatlichen als auch die privaten – belaufen sich weiterhin auf 1,12 Milliarden Barrel, gegenüber 1,25 Milliarden im April. Doch die Wiederherstellung der Importe bei gleichzeitig verschwindenden iranischen Lieferungen wird den Druck auf die andernorts verfügbaren Ölmengen erhöhen.
Für Teheran wird dieses Ungleichgewicht immer schwieriger hinzunehmen. Die Friedensverhandlungen gehen ohne Durchbruch weiter, sein Rohöl bleibt blockiert und seine Exporteinnahmen werden unter Druck gesetzt. Gleichzeitig fliesst Öl der benachbarten Produzenten mit überraschend hohen 13 Millionen Barrel pro Tag durch die Strasse von Hormus. Diese Erholung ist für die Käufer sowohl eine Erleichterung als auch eine Schwachstelle. Solange Iran selbst nicht exportieren kann, hat das Land wirtschaftlich kaum einen Anreiz, die Regelung aufrechtzuerhalten, die es den Nachbarstaaten erlaubt, ihr Öl durch die Meerenge zu transportieren. Der zunehmende finanzielle Druck könnte Teheran letztlich dazu bringen, diese Ölströme zu stören – und zwar stärker als jemals zuvor.
Der Markt steht daher vor zwei miteinander verbundenen Risiken: China muss iranisches Öl ersetzen, während sich seine Nachfrage erholt, und Iran könnte die Geduld mit einer Meerenge verlieren, die sich für alle anderen wieder öffnet. Das Verschwinden iranischer Ölmengen verknappt bereits das Angebot. Eine erneute Störung der Strasse von Hormus würde die Kosten für ihren Ersatz noch wesentlich höher treiben.
