Iran soll sich nach Informationen aus politischen und militärischen Kreisen auf einen neuen amerikanisch-israelischen Angriff vorbereiten. Nach Angaben des geopolitischen Analysten Pepe Escobar und seines Gesprächspartners seien mögliche Ziele längst erfasst, Versorgungsvorräte für mindestens sechs Monate angelegt und sämtliche militärischen Szenarien durchgespielt worden. Selbst eine Landungsoperation an der Strasse von Hormus werde einkalkuliert.
In der aktuellen Ausgabe von „The Week Ahead“ zeichnet Pepe Escobar gemeinsam mit seinem Gesprächspartner ein äusserst angespanntes Bild der Lage im Nahen Osten. Beide berufen sich dabei auf eigene Kontakte in Teheran, Islamabad, Moskau und Peking. Ihre zentrale Aussage: Innerhalb der iranischen politischen und militärischen Führung herrsche inzwischen die Überzeugung, dass ein weiterer Angriff der USA in Abstimmung mit Israel kommen werde. Offen sei lediglich der Zeitpunkt.
Die Aussagen beruhen teilweise auf anonymen Quellen und lassen sich daher nicht unabhängig überprüfen. Sie zeigen jedoch, mit welchem Szenario die Gesprächspartner nach eigenen Angaben in ihren Kontakten mit iranischen Entscheidungsträgern konfrontiert werden.
„Wenn es morgen passiert, ist Iran bereit“
Escobar erklärt, seine eigenen Freunde und Quellen bestätigten dieselbe Einschätzung: Der gesamte politisch-militärische Apparat Irans gehe von „irgendeiner Form eines amerikanischen Angriffs“ aus.
Die einzige offene Frage sei:
Kommt der Angriff noch vor den US-Zwischenwahlen – oder danach?
Escobar: „Wenn es morgen passiert, ist Iran bereit.“
Nach Darstellung seines Gesprächspartners seien die Vorbereitungen inzwischen so weit fortgeschritten, dass selbst eine mögliche amerikanische Luftlandeoperation durchgespielt worden sei. Als konkretes Szenario nennt er rund 5.000 Fallschirmjäger, die auf Inseln rund um die Strasse von Hormus landen könnten.
Iran halte dafür angeblich rund 50.000 vollständig bewaffnete und ausgebildete Soldaten bereit. Ob diese Zahlen zutreffen, lässt sich anhand des Gesprächs nicht unabhängig bestätigen.
Vorräte für mindestens sechs Monate
Besonders bemerkenswert sind die Aussagen über Irans zivile Kriegsvorbereitungen.
Der Gesprächspartner Escobars erklärt, ihm sei von hochrangigen iranischen Stellen mehrfach versichert worden, dass die Versorgung der Bevölkerung für mindestens sechs Monate vorbereitet worden sei. Dabei gehe es ausdrücklich um Lebensmittel, Kleidung, Unterkünfte, Medikamente und andere lebenswichtige Güter.
„Mindestens sechs Monate.“ Diese Information sei ihm, so betont er, wiederholt von „höchsten Stellen“ bestätigt worden. Gleichzeitig behauptet er, Iran erhalte Unterstützung aus Russland, China und Pakistan. Selbst Lieferungen aus Nordkorea über China seien unterwegs.
Diese Angaben werden im Gespräch nicht durch öffentlich zugängliche Dokumente belegt.
Escobar verweist seinerseits auf die jüngste Valdai-Konferenz und Putins Aussagen über die strategischen Beziehungen zwischen Russland und Iran. China verhalte sich traditionell wesentlich zurückhaltender und lege die tatsächliche Tiefe seiner strategischen Beziehungen öffentlich kaum offen. Escobars Einschätzung lautet dennoch: Die direkte und indirekte chinesische Unterstützung Irans werde zunehmen.
Pakistan als iranische Lebensader?
Noch konkreter werden die Aussagen zur Rolle Pakistans.
Escobars Gesprächspartner beruft sich auf Kontakte in unmittelbarer Nähe der pakistanischen Führung und erklärt, Peking habe Islamabad dazu gedrängt, Iran weitreichende Unterstützung zukommen zu lassen.
Er spricht von sechs Landkorridoren, dem Hafen Gwadar und einem rapide wachsenden Handel. Darüber hinaus würden weitere Materialien nach Iran gelangen, über deren Art er nicht sprechen könne.
Seine Schlussfolgerung: Iran stehe inzwischen strategisch eng mit Pakistan, China und Russland zusammen.
Später berichtet er zudem von einem pakistanischen Admiral in Gwadar, der ihm persönlich bestätigt habe, dass iranische Tanker dort regelmässig einliefen. „Jeden einzelnen Tag.“
Viele dieser Tanker würden anschliessend nach China oder zu anderen asiatischen Häfen weiterfahren.
Diplomatie praktisch am Ende
Parallel dazu sehen Escobar und sein Gesprächspartner die diplomatischen Möglichkeiten weitgehend erschöpft.
Nach ihrer Darstellung habe Iran Washington Bedingungen für eine Rückkehr zu einer Vereinbarung angeboten. Dazu gehörten ein Ende der Kriege, Sanktionserleichterungen, die Freigabe zumindest eines Teils von zwölf Milliarden Dollar sowie ein Ende der Seeblockade. Das Angebot sei über Katar an die USA übermittelt worden. Die Antwort des Weissen Hauses sei negativ ausgefallen.
Escobar sagt, auch weitere diplomatische Kanäle hätten bislang nichts bewirkt.
Seine Schlussfolgerung: „Die Diplomatie ist im Moment leider tot.“
Iran habe damit aus seiner Sicht seine diplomatischen Möglichkeiten ausgeschöpft und konzentriere sich nun auf die Vorbereitung sämtlicher militärischer Szenarien.
Ziele sollen bereits festgelegt sein
Der wohl brisanteste Teil des Gesprächs betrifft die iranische Zielplanung.
Escobars Gesprächspartner behauptet, er könne aufgrund seiner Kontakte nach Islamabad und Teheran „mit absoluter Sicherheit“ sagen, dass Iran bereits mögliche Ziele in Israel und im gesamten Nahen Osten festgelegt habe.
Diese Ziele seien bereits „locked in“ – also erfasst und für einen möglichen Angriff vorgesehen. Die dafür erforderlichen Geheimdienstinformationen stammten nach seiner Darstellung unter anderem aus Russland und China.
„Sie sind sehr, sehr zuversichtlich, dass im Falle einer solchen Eskalation die Antwort absolut heftig sein wird.“
Flugzeugträger, US-Basen und Israel
Escobar interpretiert die Lage als existenziellen Konflikt. Sollten die USA einen neuen grossen Angriff beginnen, erwartet er eine iranische Reaktion gegen amerikanische Interessen in ganz Westasien sowie gegen Israel.
Nach seiner Darstellung habe Teheran mögliche amerikanische und israelische Reaktionen umfassend durchgespielt und warte nun darauf, welchen Schritt Washington als Nächstes unternimmt.
Ein von seinem Gesprächspartner zitierter Kontakt aus dem Umfeld von Mohsen Rezaei soll die Stimmung mit drastischen Worten zusammengefasst haben:
„Wir wollen, dass sie etwas tun, damit wir sie hier begraben können.“
Die nukleare Schwelle
Noch gefährlicher wird die Diskussion, als beide über einen möglichen Einsatz von Atomwaffen sprechen.
Escobar verweist auf Gerüchte aus Washington und New York, wonach Israel in einem extremen Eskalationsszenario Atomwaffen einsetzen könnte. Belege dafür präsentiert er nicht. Sein Gesprächspartner behauptet seinerseits, Iran habe inzwischen eine Urananreicherung auf 90 Prozent eingeleitet und könne im Ernstfall relativ schnell nukleare Sprengköpfe für seine Raketen entwickeln.
Auch diese ausserordentlich schwerwiegende Behauptung wird im Interview lediglich unter Berufung auf eigene Quellen vorgebracht und nicht dokumentiert.
Sollte Teheran Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden israelischen Atomschlag erhalten, könne Iran nach Einschätzung der Gesprächspartner sogar präventiv gegen die israelische Nuklearanlage Dimona vorgehen.
Damit würde der Konflikt eine völlig neue Eskalationsstufe erreichen.
Escobar: Angriff in den kommenden Tagen möglich
Zum Ende des Gesprächs wird Escobar gefragt, was er für die unmittelbar bevorstehende Woche erwartet.
Er betont zunächst, dass er keine „Kristallkugel“ habe. Dennoch hält er eine militärische Aktion innerhalb der kommenden Tage für möglich. Für einen Angriff in sehr kurzer Frist nennt er eine persönliche Einschätzung von lediglich 20 bis 30 Prozent.
Für die Zeit nach den US-Zwischenwahlen sieht er die Gefahr dagegen erheblich höher.
Ein Angriff vor den Wahlen würde aus seiner Sicht voraussetzen, dass Trump von einem schnellen und eindeutigen militärischen Erfolg überzeugt werden könnte. Genau diesen Erfolg könne ihm das Pentagon jedoch nicht garantieren – insbesondere nicht bei einer möglichen Landungsoperation auf Inseln im Persischen Golf.
Deshalb könne die nächste grosse Eskalation auch bis nach den Zwischenwahlen verschoben werden.
„Eine Mutter aller Schlachten könnte bevorstehen“
Am Ende bleibt eine düstere Prognose.
Escobar sieht die Region mitten auf einer Eskalationsleiter, während die diplomatischen Kanäle seiner Einschätzung nach praktisch zum Erliegen gekommen sind.
Iran wiederum soll sich nach den Aussagen beider Gesprächspartner auf genau diesen Moment vorbereitet haben: militärisch, wirtschaftlich und logistisch. Vorräte für mindestens sechs Monate, vorbereitete Truppen an der Strasse von Hormus, Unterstützung aus Russland, China und Pakistan und bereits festgelegte Zielkoordinaten sollen Teheran ermöglichen, einen neuen Krieg wesentlich umfassender zu führen als bisher.
Escobar fasst die Lage mit einer drastischen Formulierung zusammen: „Eine Mutter aller Schlachten könnte sich am Horizont befinden – und zwar ziemlich bald.“
Ob es tatsächlich dazu kommt, bleibt offen.
Pepe Escobar: Irans Führung erwartet einen US-Angriff – die Frage sei nur noch, wann
