16. Oktober 2026

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Was Behörden 1907 in Bayern fanden — Warum man die Kammer sofort für immer verschloss

 

Was wäre, wenn unter einem unscheinbaren Bauernhof ein mittelalterlicher Gang verborgen läge – und eine hundert Jahre alte Pfarrchronik bereits beschrieben hätte, wer ihn benutzt haben soll?

Im Jahr neunzehnhundertsieben brach unter dem Kuhstall des Bauern Josef Wiesinger in der Oberpfalz plötzlich der Boden ein. Dahinter kam ein niedriger, von Menschenhand geschaffener Gang zum Vorschein. Nur einundvierzig Zentimeter breit war der Durchschlupf, dahinter lagen kleine Kammern, Sitznischen und weitere enge Gänge.

Doch der Fund war nicht nur wegen seiner Bauweise ungewöhnlich.

In einem erhaltenen Dienstbuch der königlich bayerischen Gendarmerie beschrieb der Gendarm Xaver Pongratz den Gang, eine kleine Tonlampe, ein geschwärztes Gefäß und einen verschlossenen Durchschlupf, dessen Stein offenbar von der anderen Seite eingesetzt worden war.

Zwanzig Jahre zuvor hatte der Pfarrer Michael Rauscher in seiner Chronik eine alte Erzählung aus demselben Weiler festgehalten. Eine alte Bäuerin berichtete von den Schrazln, kleinen Wesen, die unter den Höfen lebten. Man habe ihnen Lichter hinuntergestellt, damit die Toten den Weg zu ihnen finden konnten. Seit man ihre Löcher verschlossen habe, seien sie verschwunden.

Damit beginnt eines der rätselhaftesten Kapitel der Erdstallforschung.

Denn ähnliche Anlagen gibt es zu Hunderten: in der Oberpfalz, in Niederbayern, im Mühlviertel und im Weinviertel. Enge Gänge, kaum begehbare Schlupflöcher, kleine Kammern, Sitznischen und Lichtnischen. Viele stammen vermutlich aus dem Mittelalter. Doch bis heute ist die entscheidende Frage nicht eindeutig beantwortet:

Wofür wurden Erdställe eigentlich gebaut?

Waren sie Verstecke? Kultorte? Rückzugsräume? Vorratsanlagen? Orte für religiöse oder soziale Rituale? Oder steckt hinter den späteren Geschichten von Schrazln und Erdweiblein eine Erinnerung an eine längst vergessene Nutzung?

In dieser Dokumentation folgen wir dem Fall Wiesinger und vergleichen ihn mit weiteren Funden aus Bayern und Österreich. Wir betrachten die Bauweise, archäologische Datierungen, alte Bräuche und die wenigen schriftlichen Quellen, die überhaupt existieren.

Denn das eigentlich Ungewöhnliche ist nicht, dass wir so wenig über Erdställe wissen.

Es ist, dass Hunderte solcher Anlagen über Jahrhunderte gebaut wurden – und die schriftlichen Quellen darüber beinahe vollständig schweigen.

Warum wurden diese unterirdischen Räume irgendwann aufgegeben und verschlossen?

Und was geschah dort unten, bevor die letzten Menschen ihre Eingänge für immer versiegelten?