Die Demokratie wird nicht unbedingt durch einen Staatsstreich abgeschafft. Sie kann auch dadurch ausgehöhlt werden, dass ihre Funktionen Schritt für Schritt an private Technologiekonzerne übergehen. Genau vor dieser Entwicklung warnt die Harvard-Historikerin Jill Lepore – und vieles von dem, was sie beschreibt, ist längst keine Zukunftsmusik mehr.
Wer bestimmt, welche Nachrichten wir sehen? Wer entscheidet, welche Informationen als relevant gelten? Wer kontrolliert die digitalen Räume, in denen politische Debatten stattfinden? Und wer legt künftig fest, nach welchen Regeln künstliche Intelligenz Entscheidungen über Menschen trifft?
Immer häufiger lautet die Antwort: nicht die Bürger, sondern Unternehmen.
In einem Interview mit dem Podcast „Hard Fork“ beschreibt Lepore die Entstehung eines „künstlichen Staates“. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der staatliche und gesellschaftliche Funktionen zunehmend durch technische Systeme vermittelt werden, die sich im Besitz privater Konzerne befinden. Die Historikerin sieht darin eine Gefahr für die verfassungsmäßige Demokratie, weil sich Macht von demokratisch kontrollierten Institutionen zu Unternehmen verschiebt, deren Führung niemand gewählt hat.
Die Machtübernahme braucht keinen Panzer
Das Beunruhigende an Lepores Warnung ist, dass sie keinen plötzlichen Zusammenbruch beschreibt. Der Wandel vollzieht sich im Alltag. Menschen beziehen Nachrichten über Plattformen, lassen sich von Algorithmen politische Inhalte auswählen, kommunizieren über private digitale Infrastrukturen und wenden sich zunehmend an KI-Systeme, wenn sie Informationen oder Entscheidungen benötigen.
Damit entsteht eine neue Abhängigkeit: Wer die Infrastruktur kontrolliert, kann auch die Bedingungen bestimmen, unter denen Menschen kommunizieren, sich informieren und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Lepore stellt deshalb eine einfache, aber fundamentale Frage: Wer hat eigentlich entschieden, dass wir so leben sollen? Die Einführung immer neuer technischer Systeme wird häufig als unvermeidlicher Fortschritt dargestellt. Doch die Bürger wurden nie grundsätzlich gefragt, ob sie eine Gesellschaft wollen, in der immer mehr Lebensbereiche von privat kontrollierten Maschinen vermittelt werden.
Aus Bürgern werden verwaltbare Datenbestände
Besonders drastisch ist Lepores Vergleich mit der „Massentierhaltung“. Bereits 2024 beschrieb sie die industrielle Organisation des öffentlichen Lebens als einen Prozess, bei dem Menschen sortiert, segmentiert, isoliert und voneinander entfremdet werden.
Die Metapher ist bewusst provokativ. Sie bedeutet nicht, dass Menschen buchstäblich wie Nutztiere gehalten werden. Sie beschreibt eine Gesellschaft, in der Individuen zunehmend als Datenpunkte, Nutzerprofile und Zielgruppen behandelt werden – analysierbar, kategorisierbar und beeinflussbar.
Genau hier liegt die politische Dimension der KI. Die Technologie kann enorme Datenmengen auswerten, Verhalten vorhersagen, Inhalte personalisieren und Entscheidungen automatisieren. Was als Komfort und Effizienz verkauft wird, kann gleichzeitig die Möglichkeiten zur Überwachung und Verhaltenssteuerung erheblich erweitern.
Die Entwicklung findet bereits statt
Lepore betont ausdrücklich, dass der künstliche Staat noch nicht vollständig verwirklicht ist. Doch sie sieht seine Entstehung bereits in der heutigen digitalen Infrastruktur. KI beschleunigt eine Entwicklung, die mit der zunehmenden Macht von Kommunikationsplattformen und der Privatisierung gesellschaftlicher Funktionen schon lange begonnen hat.
Das lässt sich an der Gegenwart beobachten: Private Plattformen bestimmen über Reichweite und Sichtbarkeit von Informationen. KI-Systeme werden in Unternehmen und Behörden zur Unterstützung von Entscheidungen eingesetzt. Digitale Identitäts-, Daten- und Überwachungsinfrastrukturen werden ausgebaut. Immer mehr Menschen sind auf wenige Anbieter angewiesen, um zu kommunizieren, zu arbeiten oder Informationen zu erhalten.
Nicht jede dieser Anwendungen ist automatisch undemokratisch. Doch zusammengenommen entsteht eine Machtkonzentration, die demokratische Kontrolle vor neue Probleme stellt. Denn ein gewähltes Parlament kann abgewählt werden. Die Eigentümer einer digitalen Infrastruktur dagegen nicht.
„Es ist unvermeidlich“ – das gefährlichste Argument
Lepore kritisiert insbesondere die Behauptung, KI sei ohnehin nicht aufzuhalten und staatliche Regulierung würde lediglich Innovation verhindern. Diese Argumentation erklärt politische Entscheidungen zu technischen Notwendigkeiten.
Doch Technologie entwickelt sich nicht außerhalb der Gesellschaft. Menschen entscheiden, welche Systeme gebaut werden, wer sie finanziert, welche Regeln gelten und wo ihre Grenzen liegen.
Auch das Versprechen, neue Technologien würden automatisch mehr Demokratie schaffen, hält Lepore für fragwürdig. Ähnliche Hoffnungen wurden bereits mit dem Internet und den sozialen Medien verbunden. Heute zeigt sich, dass dieselben Technologien auch Macht konzentrieren, öffentliche Debatten fragmentieren und Überwachung erleichtern können.
Die Demokratie kann bestehen bleiben – und trotzdem ihre Macht verlieren
Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass demokratische Institutionen formal weiterexistieren, während ihre praktische Bedeutung abnimmt. Parlamente tagen, Regierungen werden gewählt und Bürger dürfen abstimmen. Doch immer mehr Entscheidungen über Information, Kommunikation und gesellschaftliche Teilhabe werden durch Systeme vorbereitet oder vermittelt, deren Funktionsweise und Eigentümer sich der direkten demokratischen Kontrolle entziehen.
Das ist keine Behauptung, dass bereits ein einheitlicher geheimer Plan zur Abschaffung der Demokratie bewiesen wäre. Es ist die Beschreibung einer realen Machtverschiebung, deren Folgen politisch kaum ausreichend diskutiert werden.
Wenn die Demokratie ihre digitale Infrastruktur nicht mehr kontrolliert, verliert sie langfristig auch die Kontrolle über die Bedingungen, unter denen demokratische Willensbildung überhaupt stattfinden kann.
Lepores Warnung ist deshalb weit mehr als eine akademische Zukunftsvision. Sie richtet sich gegen eine Entwicklung, die bereits begonnen hat: die schleichende Verlagerung gesellschaftlicher Macht von Bürgern und öffentlichen Institutionen zu privaten Technologiekonzernen.
