Was vor wenigen Jahren noch als hochriskantes Gedankenspiel galt, rückt offenbar immer näher an die politische Realität: Regierungen in den USA und Europa beschäftigen sich zunehmend mit Solar Geoengineering – gezielten Eingriffen in die Sonneneinstrahlung, um die Erde künstlich abzukühlen. Das berichtet Politico unter Berufung auf Experten, die Einblick in die politischen Debatten haben.
Bemerkenswert ist dabei vor allem, wo diese Gespräche stattfinden: vielfach hinter verschlossenen Türen. Cynthia Scharf, ehemalige Leiterin für strategische Klimakommunikation im Büro des UN-Generalsekretärs, erklärte gegenüber Politico, das Thema habe inzwischen längst den Kreis der Klimaforscher verlassen. Landwirtschafts-, Handels-, Außen- und sogar Verteidigungsministerien würden sich damit beschäftigen.
Auch in Washington wächst laut dem Bericht das Interesse. Mitglieder des US-Kongresses befassen sich demnach mit der Frage, welche staatlichen Kapazitäten für Solar Geoengineering aufgebaut werden müssten. Gleichzeitig werde das Thema auch in Europa intensiver diskutiert.
Im Zentrum steht eine besonders umstrittene Methode: die Stratospheric Aerosol Injection (SAI). Dabei sollen Partikel in großer Höhe in die Atmosphäre eingebracht werden, die einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All reflektieren. Das Prinzip orientiert sich an großen Vulkanausbrüchen, nach denen die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend sinken kann.
Doch ein solcher Eingriff wäre ein Experiment mit dem gesamten Klimasystem. Wissenschaftler warnen vor schwer vorhersehbaren Folgen für Niederschläge, Monsunsysteme und regionale Wetterverhältnisse sowie möglichen Auswirkungen auf die Ozonschicht. Hinzu kommt ein grundlegendes Problem: Solar Geoengineering würde die Konzentration von CO₂ in der Atmosphäre nicht reduzieren, sondern lediglich einen Teil seiner Erwärmungswirkung überdecken.
Damit wird aus einer technischen zunehmend auch eine geopolitische Frage: Wer dürfte entscheiden, wann, wo und wie stark die Sonneneinstrahlung manipuliert wird? Internationale verbindliche Regeln für einen möglichen großflächigen Einsatz existieren bislang nicht. Entscheidungen einzelner Großmächte könnten jedoch Auswirkungen auf praktisch jedes Land der Erde haben.
Politico zitiert zudem die Forscherin Portia Adade Williams, die davor warnt, dass eine Regierung wie jene der USA technisch vergleichsweise schnell in Richtung eines Einsatzes gehen könnte. Scharf wiederum sieht die Gefahr, dass Politiker in einer schweren Klimakrise nach einer vermeintlich schnellen Lösung greifen könnten, bevor internationale Regeln und mögliche Nebenwirkungen ausreichend geklärt sind.
Noch gibt es keinen Beleg dafür, dass Washington oder Brüssel einen großflächigen Einsatz beschlossen haben. Doch die politische Schwelle verschiebt sich sichtbar: Die künstliche Beeinflussung der Sonneneinstrahlung wird nicht mehr nur in wissenschaftlichen Fachkreisen diskutiert, sondern erreicht Ministerien, Parlamente und sicherheitspolitische Institutionen.
Damit stellt sich eine Frage, die weit über Klimapolitik hinausgeht: Wenn Technologien zur gezielten Veränderung des globalen Klimas tatsächlich verfügbar werden, wer kontrolliert am Ende das Thermostat der Erde?
