Der iranisch-amerikanische Politikwissenschaftler Mohammad Marandi, Professor an der Universität Teheran und einer der bekanntesten internationalen Kommentatoren der iranischen Sicht auf den Konflikt mit den USA und Israel, warnt vor einer möglicherweise entscheidenden neuen Phase des Krieges. In einem ausführlichen Gespräch mit dem US-Journalisten Danny Haiphong erklärt Marandi, Iran rechne mit einer weiteren Eskalation rund um die israelischen Wahlen am 27. Oktober und die US-Zwischenwahlen am 3. November. Sollte Washington oder Israel erneut iranische Infrastruktur angreifen, werde Teherans Antwort nach seiner Einschätzung wesentlich härter ausfallen als bisher. Dabei macht Marandi deutlich, dass er nicht für die iranische Regierung spricht; zahlreiche seiner Aussagen sind Einschätzungen, Warnungen und teilweise weitreichende Behauptungen, die sich nicht unabhängig bestätigen lassen.
„Möglicherweise liegt die entscheidende Schlacht vor uns“
Marandi erinnert zunächst an Aussagen, die er bereits vor zwei Jahren nach der iranischen Operation „True Promise 2“ gemacht hatte. Damals warnte er, eine direkte Beteiligung der USA an einem Krieg gegen Iran könne amerikanische Stützpunkte am Persischen Golf sowie die Öl- und Gasinfrastruktur der Region zum Ziel machen und damit eine globale Wirtschaftskrise auslösen.
Heute sieht er die Region näher an diesem Szenario als damals.
Der Krieg sei nicht vorbei, erklärt Marandi. Entscheidend werde sein, was US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu vor oder nach den bevorstehenden Wahlen tun.
Iran werde sich weder einschüchtern lassen noch seine strategische Ausrichtung ändern:
„Ich denke, dass möglicherweise die entscheidende Schlacht vor uns liegt.“
Marandi betont zugleich ausdrücklich, dass er einen Krieg ablehne. Iran habe nach seiner Darstellung diesen Konflikt nicht begonnen und wolle keinen umfassenden Krieg. Sollte die Gegenseite jedoch weiter eskalieren, sei Teheran darauf vorbereitet.
Angriff noch vor der israelischen Wahl?
Besonders brisant ist Marandis Einschätzung des Zeitfensters bis zum 27. Oktober. Er hält es für möglich, dass Israel oder die USA noch vor der israelischen Wahl einen weiteren Angriff auf Iran durchführen könnten.
Als mögliches Motiv nennt er Netanyahus innenpolitische Lage. Ein neuer militärischer Konflikt könnte nach Marandis Einschätzung dessen Chancen auf eine Wiederwahl verbessern. Dafür liefert Marandi allerdings keinen Beleg; es handelt sich um seine politische Interpretation.
Seine Warnung vor den militärischen Folgen fällt dagegen unmissverständlich aus: „Irans Antwort wird entscheidend sein. Sie wird noch schmerzhafter sein als beim letzten Mal.“
Sollten die USA oder Israel iranische Energie-, Strom- oder sonstige strategische Infrastruktur angreifen, erwartet Marandi eine massive iranische Reaktion gegen Infrastruktur in Israel und den Golfstaaten.
Dabei zeichnet er ein extremes Szenario: Die Zerstörung wichtiger Öl- und Gasanlagen am Persischen Golf könnte seiner Ansicht nach eine weltweite wirtschaftliche Depression auslösen.
Iran droht indirekt auch den Golfstaaten
Marandi richtet seine Warnung nicht allein an Washington und Tel Aviv.
Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, Bahrain und Jordanien betrachtet er wegen ihrer militärischen Zusammenarbeit mit den USA als Teil der gegnerischen Infrastruktur. Er wirft diesen Staaten vor, Luftwaffenstützpunkte, Treibstoff und andere Unterstützung für amerikanische beziehungsweise israelische Operationen gegen Iran bereitgestellt zu haben.
Sollten bei einem neuen Angriff iranische Zivilisten oder kritische Infrastruktur getroffen werden, könnten deshalb nach seiner Darstellung auch diese Staaten zum Ziel werden.
Marandi geht sogar noch weiter: Ein Zusammenbruch der Energieinfrastruktur am Persischen Golf würde nach seiner Einschätzung nicht nur die betroffenen Staaten erschüttern, sondern die globale Wirtschaft derart schwer treffen, dass die USA ihre weltweite Militärpräsenz langfristig nicht mehr finanzieren könnten.
Neue iranische Waffen gegen Flugzeugträger?
Ein zentraler Teil des Gesprächs dreht sich um Irans inzwischen weiterentwickelte Raketenfähigkeiten.
Der Moderator verweist auf Berichte, wonach Iran Fortschritte bei ballistischen Langstreckenraketen gegen bewegliche Ziele erzielt haben soll. Das wäre vor allem mit Blick auf amerikanische Flugzeugträger von Bedeutung. Marandi bestätigt keine konkrete neue Rakete. Er erklärt jedoch, dass Iran seine militärischen Fähigkeiten während der vergangenen Jahre kontinuierlich getestet und weiterentwickelt habe.
Die Operationen „True Promise 1“ und „True Promise 2“ seien seiner Darstellung zufolge nicht nur Angriffe gewesen, sondern hätten Teheran auch ermöglicht, israelische und amerikanische Luft- und Raketenabwehrsysteme unter realen Bedingungen zu testen.
Iran habe dabei unter anderem Informationen über THAAD-, Patriot-, Marine- und israelische Abwehrsysteme gesammelt. Marandi behauptet, Irans Fähigkeiten seien heute erheblich grösser als noch vor zweieinhalb Jahren. Besonders deutlich wird er bei den amerikanischen Flugzeugträgern.
Bislang habe Iran diese bewusst nicht angegriffen, weil die Eskalation diese Stufe noch nicht erreicht habe. Das könne sich jedoch ändern:
„Wenn die Vereinigten Staaten Irans Infrastruktur angreifen, dann besteht kein Zweifel daran, dass Iran alle drei Flugzeugträger jagen wird, um sie zu versenken.“
Dass Iran tatsächlich über die Fähigkeit verfügt, mehrere US-Flugzeugträger zu versenken, ist damit nicht belegt. Marandi stellt es jedoch als Bestandteil der iranischen Abschreckungsstrategie dar und behauptet, Teheran verfüge über Fähigkeiten, die im bisherigen Krieg noch nicht eingesetzt worden seien.
Marandi: Iran hält noch militärische Fähigkeiten zurück
Nach Marandis Darstellung haben die USA Irans Raketen- und Drohnenkapazitäten wiederholt unterschätzt. Frühere Einschätzungen, wonach Iran seine Raketenbestände schnell aufbrauchen würde, hätten sich aus seiner Sicht als falsch erwiesen.
Teheran habe während der vergangenen Monate Forschung und Entwicklung weiter vorangetrieben und neue Fähigkeiten hinzugewonnen. Sollte der Krieg erneut eskalieren, werde Iran nach Marandis Worten Systeme einsetzen, „die es damals nicht eingesetzt hat“, sowie neue Fähigkeiten, die inzwischen hinzugekommen seien.
Damit vermittelt er eine klare Botschaft: Was Iran bislang gezeigt habe, sei nach seiner Darstellung nicht das gesamte militärische Arsenal des Landes.
„Iran ist vorbereitet“
Marandi erklärt mehrfach, Iran habe sich auf einen umfassenden Krieg eingestellt. Unmittelbar vor dem Interview war er von der Valdai-Konferenz in Moskau zurückgekehrt. Auf dem Weg vom Flughafen habe er mit einer nach seinen Angaben „sehr gut informierten“ Person gesprochen.
Seine Schlussfolgerung:
„Sie sind vollständig vorbereitet.“
Später wiederholt er die Warnung und verbindet sie ausdrücklich mit dem politischen Kalender in Israel und den USA:
„Wir sind auf die entscheidende Schlacht vorbereitet, die möglicherweise vor oder nach den Zwischenwahlen stattfinden wird.“
Sollte es dazu kommen, werde die Welt in den folgenden Monaten nach seiner Einschätzung „eine sehr, sehr andere“ sein.
False Flag als Vorwand für einen grösseren Krieg?
Besonders brisant wird das Gespräch beim Flydubai-Zwischenfall und anderen jüngsten Sicherheitsvorfällen.
Moderator Danny Haiphong bringt mögliche „False-Flag“-Operationen ins Spiel und fragt, ob damit ein Vorwand für eine erneute Eskalation gegen Iran geschaffen werden könnte. Marandi übernimmt diese These ausdrücklich. Er bezeichnet einen der angesprochenen Vorfälle als „False-Flag-Operation“ und warnt sogar vor weiteren möglichen Ereignissen: „Wir könnten in den kommenden Tagen weitere False-Flag-Operationen sehen, und möglicherweise sehen wir eine grosse False-Flag-Operation, bei der viele Menschen getötet werden.“
Er nennt als mögliche Schauplätze die USA oder Europa.
Der Krieg um Iran ist für Marandi Teil eines grösseren Machtkampfes
Hinter der militärischen Konfrontation sieht Marandi einen grundsätzlichen Kampf um die künftige Ordnung im Nahen Osten und darüber hinaus.
Er argumentiert, Washington könne einen strategischen Erfolg Irans nicht akzeptieren, weil dieser zeigen würde, dass sich Staaten erfolgreich der amerikanischen Dominanz widersetzen können. Deshalb betrachtet er den gegenwärtigen Konflikt nicht lediglich als Streit um das iranische Atomprogramm.
Auch die westliche Darstellung des iranischen Atomprogramms weist Marandi zurück. Er behauptet, es habe niemals ein iranisches Atomwaffenprogramm gegeben und entsprechende Anschuldigungen seien politisch instrumentalisiert worden. Auch hier vermischt das Interview überprüfbare Aussagen über internationale Inspektionen mit Marandis eigener, deutlich weitergehender Interpretation.
Marandi sieht weltweite Stimmung im Wandel
Zum Ende des Interviews berichtet Marandi von seinen jüngsten Gesprächen auf der Valdai-Konferenz in Russland.
Vertreter und Gesprächspartner aus Indien, Pakistan, Afrika, Lateinamerika, Ostasien, Westasien und Europa hätten sich nach seiner Darstellung beeindruckt von Irans Widerstandsfähigkeit gezeigt. Viele hätten nicht erwartet, dass Iran einem direkten Konflikt mit den USA und Israel in dieser Form standhalten könne.
Auch in China habe sich die öffentliche und politische Stimmung nach Aussagen seiner chinesischen Gesprächspartner deutlich verändert.
Eine Warnung vor der nächsten Eskalationsstufe
Die zentrale Botschaft des Interviews ist eindeutig: Marandi glaubt, dass die gefährlichste Phase des Konflikts möglicherweise noch bevorsteht.
Er hält einen erneuten amerikanischen oder israelischen Angriff rund um die bevorstehenden Wahlen für möglich. Gleichzeitig warnt er, dass Iran bei Angriffen auf seine kritische Infrastruktur nicht mehr begrenzt reagieren werde.
Flugzeugträger, US-Stützpunkte, israelische Infrastruktur sowie Energieanlagen verbündeter Golfstaaten könnten dann nach seiner Darstellung zu Zielen werden.
Ob diese Eskalation tatsächlich eintritt und ob Iran über sämtliche von Marandi angedeuteten Fähigkeiten verfügt, bleibt offen. Doch seine Aussagen vermitteln unmissverständlich die Abschreckungsbotschaft, die er an Washington und Tel Aviv richtet:
Ein neuer grosser Angriff auf Iran könnte aus Teherans Sicht die Schwelle zu einem regionalen Krieg überschreiten, dessen militärische und wirtschaftliche Folgen weit über den Nahen Osten hinausreichen würden.
