16. September 2026

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Unternehmen aus der Digital-ID-Branche schlägt jetzt Alarm: Ausgerechnet IDnow äußert Bedenken zur Einführung der EU-Wallet

 

Die digitale Identität kommt – das Vertrauen fehlt: Ausgerechnet die Branche selbst zeigt, wie skeptisch die Bürger gegenüber der EU-Wallet sind

Die EU treibt ihre digitale Identität mit großen Schritten voran. Doch während die technische und rechtliche Infrastruktur geschaffen wird, scheint ausgerechnet das Wichtigste zu fehlen: das Vertrauen der Menschen.

Eine aktuelle Untersuchung des deutschen Identitätsdienstleisters IDnow, über die Biometric Update berichtet, offenbart eine bemerkenswerte Diskrepanz. 2.000 Erwachsene in Deutschland und Frankreich wurden zur kommenden European Digital Identity Wallet (EUDI-Wallet) befragt. Das Ergebnis: Sicherheit, Datenschutz und Kontrolle über die eigenen Daten beschäftigen die Menschen erheblich – und die digitale Wallet ist für viele keineswegs die bevorzugte Lösung.

Besonders deutlich wird das bei einem alltäglichen Anwendungsfall. Bei der Identitätsprüfung zur Eröffnung eines Bankkontos bevorzugen derzeit 24 Prozent die persönliche Identifikation. Nur 14 Prozent würden eine digitale Identitäts-Wallet vorziehen. Gleichzeitig geben 63 Prozent an, dass sie die EUDI-Wallet eher verwenden würden, wenn sie damit beispielsweise ihr Alter bestätigen könnten, ohne sämtliche persönlichen Informationen offenzulegen.

Die Branche entdeckt das „Vertrauensproblem“

Bemerkenswert ist vor allem, wer diese Zahlen präsentiert.

IDnow ist kein unabhängiges Verbraucherschutzinstitut. Das Münchner Unternehmen verdient sein Geld mit digitaler Identitätsprüfung, biometrischer Authentifizierung und Betrugsprävention. Seine eigene „Trust Platform“ soll Unternehmen bei genau jener digitalen Identitätsinfrastruktur unterstützen, deren mangelnde Akzeptanz die Studie nun untersucht. IDnow wird zudem von Corsair Capital unterstützt.

Mit anderen Worten: Ein Unternehmen aus einer Branche, die wirtschaftlich von der Digitalisierung der Identität profitieren kann, stellt selbst fest, dass die Verbraucher noch überzeugt werden müssen.

IDnow-Chef Philippe Morel formuliert es bemerkenswert offen: Die europäischen Verbraucher verstünden das Problem, das die EUDI-Wallet lösen solle – sie seien jedoch noch nicht davon überzeugt, dass diese Wallet die Lösung ist.

Genau dieser Satz sollte aufhorchen lassen. Denn die Frage lautet plötzlich nicht mehr nur: Wollen die Menschen eine europäische digitale Identität? Sondern zunehmend: Wie bringt man sie dazu, sie zu benutzen?

Heute freiwillig – morgen kaum noch zu umgehen?

Offiziell ist die Nutzung freiwillig. Das muss festgehalten werden. Gleichzeitig entsteht rund um die Wallet eine Infrastruktur, die weit über eine zusätzliche App auf dem Smartphone hinausgeht.

Öffentliche Behörden müssen EUDI-Wallets künftig bei entsprechenden digitalen Identifikations- und Authentifizierungsverfahren akzeptieren. Auch bestimmte private Unternehmen, die gesetzlich zur Identifizierung ihrer Kunden verpflichtet sind – beispielsweise Banken und Mobilfunkanbieter –, müssen die Wallet als Identitätsnachweis akzeptieren.

Genau hier beginnt die entscheidende gesellschaftliche Debatte.

Eine Technologie muss nicht gesetzlich vorgeschrieben sein, um im Alltag faktisch immer wichtiger zu werden. Wenn Behörden, Banken, Telekommunikationsanbieter und weitere Dienste ihre Prozesse zunehmend auf ein gemeinsames digitales Identitätssystem ausrichten, kann aus einer freiwilligen Option schrittweise der bequemste und irgendwann möglicherweise dominierende Zugang zum digitalen Alltag werden.

Das wäre kein formeller Zwang. Aber es könnte ein erheblicher praktischer Anpassungsdruck entstehen.

Der digitale Schlüssel zum Alltag

Befürworter haben durchaus starke Argumente. Die EUDI-Wallet soll Nutzern ermöglichen, nur die tatsächlich benötigten Informationen preiszugeben. Wer lediglich nachweisen muss, über 18 Jahre alt zu sein, soll beispielsweise nicht zwangsläufig Name, Adresse und vollständiges Geburtsdatum übermitteln müssen.

Das kann gegenüber heutigen Verfahren sogar einen Datenschutzgewinn darstellen.

Doch gerade weil die technische Idee Vorteile besitzt, darf die politische Dimension nicht ausgeblendet werden: Wer die digitale Identitätsinfrastruktur kontrolliert, definiert einen zentralen Zugangspunkt zu immer mehr Bereichen des digitalen Lebens.

Deshalb reichen Versprechen von Sicherheit und Komfort nicht aus. Entscheidend wird sein, ob Bürger auch langfristig echte Alternativen behalten, ob Daten technisch tatsächlich minimiert werden und ob eine Ablehnung der Wallet ohne Nachteile möglich bleibt.

Erst die Infrastruktur, dann das Vertrauen?

Die IDnow-Studie macht unbeabsichtigt sichtbar, wo das eigentliche Problem liegt.

Die Infrastruktur wird aufgebaut. Unternehmen bereiten sich darauf vor. Behörden integrieren sie. Die rechtlichen Rahmenbedingungen stehen. Doch das Vertrauen soll offenbar anschließend gewonnen werden.

Fast die Hälfte der Befragten – 46 Prozent – hat laut IDnow bereits Transaktionen abgebrochen, weil bestehende Identitätsprüfungen zu kompliziert oder zeitaufwendig waren. Für Unternehmen ist eine reibungslosere digitale Identifizierung deshalb nicht nur eine Frage des Komforts, sondern ein handfestes wirtschaftliches Interesse.

Damit treffen zwei Interessen aufeinander: Bürger verlangen Sicherheit, Transparenz und Kontrolle über ihre Daten. Unternehmen und Institutionen wollen Identifizierung schneller, günstiger und möglichst reibungslos abwickeln.

Die EUDI-Wallet soll beides miteinander versöhnen. Ob sie das tatsächlich kann, ist noch nicht bewiesen.

Vielleicht ist deshalb nicht die Frage entscheidend, ob die EUDI-Wallet technisch funktioniert. Sondern ob eine Gesellschaft eine digitale Identitätsinfrastruktur akzeptieren sollte, bevor eindeutig geklärt ist, wie freiwillig ihr Leben ohne diese Infrastruktur in zehn Jahren noch sein wird.