Während die Öffentlichkeit vom WHO-Pandemieabkommen kaum noch etwas hört, wird in Genf über einen seiner brisantesten Bestandteile verhandelt: ein weltweites System, über das Krankheitserreger mit Pandemiepotenzial und deren genetische Informationen international geteilt werden sollen. Vom 14. bis 18. September 2026 beraten die WHO-Mitgliedstaaten über den sogenannten PABS-Anhang – „Pathogen Access and Benefit-Sharing“. Ohne diesen Anhang kann das bereits 2025 verabschiedete Pandemieabkommen nicht zur Unterzeichnung und Ratifizierung geöffnet werden.
Hinter dem technisch klingenden Begriff verbirgt sich eine weitreichende Infrastruktur. Der offizielle WHO-Entwurf sieht ein „WHO Coordinated Laboratory Network“ vor, über das Material von Erregern mit Pandemiepotenzial ausgetauscht werden soll. Gleichzeitig sollen genetische Sequenzinformationen über WHO-anerkannte Datenbanken verfügbar gemacht werden. Im noch nicht abschliessend vereinbarten Verhandlungstext werden ausdrücklich DNA, RNA und Proteine genannt; selbst „modified pathogens“, also modifizierte Erreger, tauchen in einer der noch umstrittenen Textvarianten auf.
Die US-Ärztin und WHO-Kritikerin Meryl Nass bezeichnet dieses Konzept deshalb provokativ als eine globale „Pathogen-Leihbibliothek“. In einem am 14. September veröffentlichten Beitrag schreibt sie, sie hoffe sogar, dass der Streit über die Verteilung der späteren Vorteile möglicherweise ein Vorwand jener Staaten sei, die eine solche internationale Erreger-Infrastruktur grundsätzlich für keine gute Idee halten. Das ist Nass‘ Interpretation – nicht belegt ist, dass Staaten die Verhandlungen aus diesem Grund blockieren. Ihre Beschreibung lenkt jedoch den Blick auf eine Frage, die in der offiziellen Debatte erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhält: Wer bekommt künftig Zugang zu welchen Erregern und genetischen Informationen – und unter welchen Bedingungen?
Denn PABS soll nicht einfach eine wissenschaftliche Datenbank werden. Der WHO-Entwurf verbindet den Zugang zu Pathogenen mit einem internationalen System zur Verteilung der daraus entstehenden wirtschaftlichen und medizinischen Vorteile. Hersteller von Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika sollen dafür rechtlich bindende PABS-Verträge mit der WHO abschliessen. Als Gegenleistungen werden unter anderem Impfstoffe, Medikamente und Diagnostika sowie finanzielle Beiträge diskutiert.
Genau daran entzündet sich inzwischen ein handfester Nord-Süd-Konflikt. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer wollen nicht erneut Erregerproben und genetische Informationen liefern, damit daraus andernorts milliardenschwere Produkte entwickelt werden, während sie bei einer neuen Pandemie selbst am Ende der Versorgungskette stehen. Das South Centre fordert deshalb verbindliche Verträge, Impfstoff- und Medikamentenkontingente, Technologietransfer und finanzielle Beiträge kommerzieller Nutzer.
Dass die Verhandlungen festgefahren sind, räumt inzwischen selbst die europäische Seite ein. Der EU-Verhandler Americo Zampetti sprach Anfang September von „tief verwurzelten Differenzen“ zwischen Entwicklungs- und Industrieländern – insbesondere darüber, wie der Zugang zu Pandemieerregern organisiert und wie private Unternehmen überhaupt verbindlich zum Vorteilsausgleich verpflichtet werden können. Der Streit ist inzwischen so fundamental, dass der gesamte Vertrag auf den PABS-Anhang wartet.
Damit geht es in Genf um erheblich mehr als technische Pandemievorbereitung. Es entsteht der mögliche rechtliche und organisatorische Rahmen dafür, wie gefährliche biologische Materialien und ihre digitalen Baupläne künftig weltweit zirkulieren, welche Labore und Unternehmen darauf zugreifen können und wer an den daraus entwickelten Produkten verdient. Die WHO beschreibt das als „sicheren, transparenten und verantwortlichen“ Zugang bei gleichzeitig gerechter Verteilung der Vorteile. Kritiker wie Nass sehen darin dagegen die Grundlage einer institutionalisierten globalen Erreger-Infrastruktur.
Gerade deshalb verdient der Vorgang öffentliche Aufmerksamkeit: Soll tatsächlich ein dauerhaftes globales System geschaffen werden, das den Austausch potenziell pandemischer Erreger, ihrer Bestandteile und ihrer genetischen Informationen institutionalisiert – und wenn ja, wer kontrolliert dieses System?
Diese Frage ist noch nicht entschieden. Der derzeit veröffentlichte PABS-Text ist ausdrücklich ein Verhandlungsentwurf und kein endgültig beschlossenes Regelwerk. Doch genau jetzt werden die Regeln ausgehandelt, nach denen dieses System später funktionieren könnte.
